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Freitag, 03. September 2010

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Kategorie: P.T. Gesellschaft
Montag 09. November 2009

Die Abdankung der antiquierten Eliten

 

Interview des Nachrichtenmagazins NeueNachricht (www.ne-na.de) mit dem Publizisten Peter Felixberger

Peter Felixberger (Foto: Wikipedia/Annett Bourquin/CC)

Typ Öko-Apokalyptiker? Laut Felixberger wohl, denn: „Sie reden mit erhobenem Zeigefinger über Klimakatastrophe, Umweltzerstörung und der Vernichtung natürlicher Lebensgrundlagen. Eine Rettung ist für sie nur in Sicht, wenn wir uns ihrem Diktum unterwerfen.“ (Foto: Wikimedia Commons/Aleph/CC)

Typ „superliberaler Kapitalist“? Auch die mag Felixberger nicht: „Wenn sie über Zukunft reden, reden sie mit Verachtung über Sozialismus, Gerechtigkeitsillusionen und Unfreiheit. Auch sie wähnen sich im Besitz ewiger Wahrheit und retten die Welt permanent in irgendwelche diesseitige Paradiese. Jede Ideologie scheitert am Ende an dieser Hybris.“ (Foto: Wikimedia Commons/Dirk Vorderstraße/CC)

NN: Im Vorwort Ihres neuen Buches „Deutschlands nächste Jahre“ schreiben Sie: „Jede Ideologie scheitert am Ende mit ihrer Vision.“ Das gilt nach Ihrer Auffassung sowohl für „neoliberale Kapitalisten“ als auch für Apologeten, die von einer sozialökologischen Weltgesellschaft träumen.

Was sollten wir nach Ihrer Meinung für eine geistige Disposition entwickeln, um die schwer vorhersehbaren Herausforderungen der Zukunft zu meistern?


Felixberger: Wir sollten endlich aufhören, die Welt immer in Richtung eines Paradieses verändern zu wollen. In eine Welt ohne Mangel und Makel. Nehmen wir nur die beiden schlimmsten Weltverbesserer diesen Typs. Erstens die Öko-Apokalyptiker. Sie reden mit erhobenem Zeigefinger über Klimakatastrophe, Umweltzerstörung und der Vernichtung natürlicher Lebensgrundlagen. Eine Rettung ist für sie nur in Sicht, wenn wir uns ihrem Diktum unterwerfen.

Zweitens die superliberalen Kapitalisten. Wenn sie über Zukunft reden, reden sie mit Verachtung über Sozialismus, Gerechtigkeitsillusionen und Unfreiheit. Auch sie wähnen sich im Besitz ewiger Wahrheit und retten die Welt permanent in irgendwelche diesseitige Paradiese. Jede Ideologie scheitert am Ende an dieser Hybris.

Für mich zählen Zurückhaltung und Demut: Eine Welt ohne Mangel und Makel ist und bleibt eine Illusion. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als unser Glück und Unglück jeden Tag aufs Neue zu managen. Dafür brauchen wir im besten Sinne ein Nachdenken darüber, wie wir uns auf die unterschiedlichen Zukünfte vorbereiten können.

Es geht langfristig um Werte und Leitbilder, Wohlstand und Lebensqualität, um Bildung, Arbeit und Qualifikation. Mehr als um die Zünd­lerthemen in der tagesaktuellen Öffentlichkeit, die von brandstiftenden Medien permanent befeuert werden.

NN: In Deutschland gibt es eine recht widersprüchliche Haltung in tagespolitischen Fragen. Wenn es um Netzsperren im Internet geht, kann man höchst libertäre Stimmen vernehmen, die vor der Demontage von Freiheitsrechten warnen. Geht es um Klimaschutz oder Mindestlöhne, wird der etatistische Geist aus der Flasche gelassen und man plädiert für den starken Staat.

Wie beurteilen Sie diese ­Widersprüche?


Felixberger: Ich glaube, dass die Tagespolitik sehr stark von jenem Menschenbild geprägt ist, das den Einzelnen als schwach betrachtet. In dieser Denkfigur muss er immerzu beschützt werden, weil er sein Leben aus eigener Kraft sonst nicht bewältigt. Im Gegensatz dazu hat sich eine Strömung entwickelt, welche die Freiheit des Einzelnen eher als Stärke betrachtet. Sozusagen die Befürworter eines Lebens mehr in Eigenregie. Die Dialektik funktioniert wie folgt: Der starke Staat wird immer dann gerufen, wenn man den Menschen selbst nichts zutraut. Die Kraft des Individualismus wird dann geweckt, wenn man dem Staat nichts mehr zutraut oder besser gesagt, ihm nicht mehr über den Weg traut.

NN: Wie stark ist das Sicherheitsbedürfnis der Deutschen, alles regeln zu wollen, die Augen vor notwendigen Veränderungen zu verschließen und sich ängstlich ins ­Schneckenhaus des Spießbürgers zurückzuziehen?

Felixberger: Die meisten Menschen sind nicht veränderungsbereit. Vor allem die 40- bis 60-Jährigen. Sie wollen überwiegend, dass alles so bleibt, wie es ist. Im Klartext, ihren Wohlstand und ihre Lebensqualität sichern. Das Motto: Wir retten uns bis zur Rente, um dann Ruhe vor dem turbulenten Leben zu haben. Kein Wunder, dass der Staat sie auf diesem Weg beschützen soll.

Die Jüngeren haben aber längst begriffen, dass ihr Leben riskant, bunt schillernd, unscharf und ständigen Veränderungen unterworfen ist. Das Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, ist das Mantra dieser Generation.

Sie haben wenig Erwartungen an die Politik, warten aber nicht mehr länger, dass etwas passiert. Sie tun was, auch wenn der materielle Wohlstand auf der Strecke bleibt. Sie übernehmen Verantwortung für sich selbst und die Gesellschaft. Hier reifen die wirklich starken Jahrgänge heran.

NN: Einen wirklichen Wandel zur Stärkung der Freiheit sieht der Soziologe Wolfgang Sofsky auch nach dem Sieg des schwarz-gelben Lagers nicht. Freiheitsgewinn hieße generell: Abbau von Zwängen, Regeln, Ämtern und Behörden, nicht zuletzt Räume ohne Gebote und Verbote. Das sei auch unter Schwarz-Gelb nicht zu erwarten. Geht es um konkrete Politik wie beim Glühbirnen- oder Rauchverbot, tendieren wir dazu, der Gesellschaft Vorschriften zu machen und sie in eine Ordnung zu zwängen, die angeblich zu ihrem Besten ist.

Frischer Wind sieht anders aus, oder was denken Sie?


Felixberger: Die FDP verwechselt die Freiheit jedes Einzelnen mit wirtschaftlicher Freiheit. Letztere basiert unter anderem auf der wirtschaftlichen Allmachtsfantasie, eine prosperierende Wirtschaft ziehe eine selbige Gesellschaft nach sich. Tut sie aber nicht, wie wir gerade auch in China eindrucksvoll beobachten können.

Und sie tut es auch in Deutschland nicht, wo wirtschaftliche Freiheit zu volksverdummenden Massenmärk­ten geführt hat, in der den Konsumschafen das Immergleiche und Überflüssige aufgezwängt wird.

Die Freiheit des Einzelnen führt hingegen zu kreativer Vielfalt an Ideen und Produkten, in denen der Gegensatz von Konsument und Produzent aufgelöst wird. Frischer Wind sind mündige Bürger und Konsumenten, die der heutigen sozialistischen Einheitswirtschaft etwa bei Lidl, Aldi & Co. eine Absage erteilen können. Ich sage bewusst „können“, weil viele aus materiellen Gründen noch auf Discounter angewiesen sind.

NN: In einem Namensbeitrag für das Buch „Die kreative Revolution“ von Wolf Lotter formulieren Sie, dass Wirtschaft und Gesellschaft vom abweichenden Verhalten ihrer Akteure abhängig sind. Abweichler und Spinner seien die perfekten Dekonstruktivisten und idealen Türöffner in künftige Massenmärk­te. Sie seien die kreativen Zerstörer der industriellen Ökonomie. Ohne diese bunten Hunde finde Ökonomie gar nicht mehr statt.

Gibt es Beispiele für Persönlichkeiten, die diesen mentalen Wandel einleiten und die die antiquierten Eliten aus den guten alten Tagen des Industriekapitalismus in Rente schicken?


Felixberger: Die beiden amerikanischen Zukunftsforscher Ryan Mathews und Watts Wacker haben hierzu wegweisende Forschungen vorgelegt.

Ihre These: Die Abweichler und Spinner sind in Zukunft die Motoren erfolgreicher Unternehmen. Sie machen sich den schnellen Wandel und die Auflösung alter Kontexte zunutze. Die ungezähmten Ideen an der Peripherie sind der Rohstoff, aus dem morgen glänzende Markterfolge erwachsen. Sie bestimmen, wie der Mainstream aussieht. Egal, wie abwegig sie sind.

Im Prinzip funktioniert das heute so: Von der Peripherie her machen sich verwegene Gesellen auf, um den Palast der Alten zu erobern. Je schneller die Gesellen sind, desto schneller verringert sich die Entfernung zum Ziel.

Bei höchster Geschwindigkeit ist die Entfernung am geringsten, so dass niemand mehr erkennt, was Rand und Mitte ist. Wer also Eroberer oder Eroberter ist. Die Beteiligten verlieren den Über­blick. Es kommt zur Kontextauf­lösung. Die soziale Realität verschwimmt. Die Zuordnung fehlt.

In der modernen Pop-Musik sind solche Vorgänge fast schon an der Tagesordnung. Jede Woche eine neue unbekannte Band auf Platz 1 der Charts. Das Abseitige ist gleichermaßen Mainstream und soziale Abweichung. Es wirbelt gleichzeitig am Rand und in der Mitte. Der Unterschied zu früher: Damals verlief der Weg, den das Abweichende auf seinem Weg zur gesellschaftlichen Akzeptanz zurücklegte, in ruhigeren und langsameren Bahnen.

NN: Vordenker wie Tapscott sehen eine Entwicklung zu neuen ökonomischen Prinzipien. Es gebe eine neue Klasse von Wissensarbeitern, die keine Scheu mehr vor der globalen Wissensgesellschaft haben. Gemeint sind Einzelpersonen, Unternehmen und Organisationen, die erkannt haben, dass Offenheit unter den heutigen wirtschaftlichen Verhältnissen eine wichtige Stärke ist. Sie bauen reichhaltige, kooperative Milieus und alle Arten von Infrastrukturen für den freien Austausch von Wissen auf, darunter offene Standards, Initiativen für freie Inhalte, offene wissenschaftliche Netzwerke und offene Konsortien für Forschung und Entwicklung.

Wie sehen Sie das? Sind das zukunftsfähige Prinzipien, die wir in den Rucksack packen sollten, um die Zukunft zu bewältigen?


Felixberger: Ja, das sollten wir dringend tun. Ökonomie bedeutet bisher Kampf aller gegen alle, den Konkurrenten ausstechen, ihm Marktanteile abknöpfen, im Haifischbecken schnappen, bis man alleine ist, und nicht zuletzt regiert der Ellenbogen auch das berufliche Schicksal jedes Einzelnen. Jeder muss auf der Lauer liegen und lebt in der Furcht, ein anderer könne ihm zuvorkommen.

Man ist gar geneigt zu glauben, die Konkurrenz sei zum herrschenden Modell der menschlichen Beziehungen geworden. Langsamkeit wird bestraft, gegenseitige Hilfe und Solidarität wird zum diffusen, weltfremden Ideal abqualifiziert. Was ein Irrtum ist!

Denn genau da entstehen seit Jahren überaus erfolgreiche Geschäftsmodelle. Der amerikanische Vordenker Don Tapscott und sein Kollege Anthony D. Williams glauben beispielsweise, dass künftig überwiegend in der kooperativen Ökonomie die Post abgehen wird.

Wir treten, so ihr Tenor, in ein neues Zeitalter ein, wo die Menschen in einer Weise am Wirtschaftsgeschehen teilnehmen wie nie zuvor. Noch nie hatten Einzelne die Macht und die Gelegenheit, in losen Netzwerken Gleichgestellter und Gleichgesinnter („Peers“) zu kooperieren und Waren und Dienstleistungen kontinuierlich und in konkret fassbarer Form herzustellen.

Das nennt man heutzutage Wikinomics, die neue kooperative Weltökonomie auf Basis globaler Netze und Technologien.

Statt „Jeder gegen jeden“ heißt es jetzt „Jeder mit jedem“! Und ihre Losung lautet: Allein bist du wenig, nur gemeinsam mit anderen bist du stark und kreativ. Das hat auch Folgen für die Führungskräfte. Denn Wikinomics entzaubert den Mythos des Genies in der Chefetage oder des Kapitäns auf der Kommandobrücke eines Unternehmens.

Weg also mit den antiquierten Eliten, lasst die Paten abdanken! Auch wenn‘s turbulent wird. Besser herrscht transparente Unübersichtlichkeit als jene vornehme Verschwiegenheit der diskreten Gesellschaft.

Darin steckt zweifellos ein emanzipatorischer Ansatz. Zugelassen zum ausgelassenen Wikinomics-Spiel sind alle, von den Subkulturen bis zum Industriekapitän. Das muss man im Big Business erst verdauen. Dort, wo die Gruppen-, Abteilungs- und Bereichsleiter glauben, für den Rest des Lebens auf dem Machtsessel Platz genommen zu haben und per Knopfdruck die Puppen tanzen lassen zu können.

 

 

Über den Autor:

Peter Felixberger: Deutschlands nächste Jahre
Murmann-Verlag, 2009, 240 Seiten, 18 Euro


  • Peter Felixberger (geb. 1960) studierte in München Politikwissenschaft, Soziologie und Zeitungswissenschaft (1981 bis 1987)
  • 1980 Eröffnung einer Buchhandlung
  • 2001 Gründung des Online-Magazins changeX – für Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft; Geschäftsführer und Chefredakteur bis 2007
  • 2003 Mitgründer des Ethikverbandes der Deutschen Wirtschaft
  • Seit 2008 arbeitet Felixberger für den Hamburger Murmann-Verlag


Felixberger gilt als einer der führenden deutschen Publizisten auf dem Gebiet der Beschreibung wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Transformation. Er steht thematisch für eine Neuprogrammierung der Gesellschaft und mehr Selbstbestimmung und Autonomie des Einzelnen.

(Quelle: Wikipedia)

 

 


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