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Merkeln
Von: Dr. Helfried Schmidt Planen und gewinnen. Egal wie das Schicksal würfelt.
Beim Start als „Kohls Mädchen“ Anfang der 90er Jahre war „ein Merkel“ die kleinste Maßeinheit, mit der man messen konnte, was nicht wirklich wichtig war. Das ist Geschichte. Wie kein Zweiter beherrscht(e) Angela Merkel seit Jahren die Kunst des perfekten Surfens auf den Wellen der politischen und medialen Tsunamis und Banalitäten. Die Kunst zu „Merkeln“. Unabhängig von den gerade debattierten Problemen der Welt, der Partei oder „der Menschen“ hatte sie über Jahre höchste Beliebtheitswerte.
Das Wirtschaftsmagazin Forbes setzte sie in den Jahren 2006, 2007, 2008, 2009 und 2011 auf Platz 1 in der Liste der 100 mächtigsten Frauen der Welt. Für BILD war sie Miss World. Neun verschiedene Ehrendoktorwürden erhielt sie. Sogar eine Orchideen-Züchtung wurde in Singapur auf den Namen „Dendrobium Angela Merkel“ getauft. Chin Meyer, Deutschlands bekanntester Finanzkabarettist, karikierte das politische Erfolgswunder Merkel so: „Das ist das Beste, was der CDU passieren konnte. Die perfekte Kombination der unbeachteten Minderheiten: Kinderlose – Frau – aus dem Osten – mit Promotion. Das ist genial. Unschlagbar. Da kann die SPD nichts dagegen setzen. Wen müssten die suchen, um das zu toppen? Was würde da noch ziehen? Höchstens: Lesbische - farbige – Liliputanerin – ohne Schulabschluss.““ Das Phänomen Merkel beschäftigt nicht nur Kabarettisten. Hunderte Artikel, Dutzende Veranstaltungen und mehrere Bücher versuchten das Phänomen zu ergründen, wie Angela von „Kohls Mädchen“ über die eher bemitleidete graue Maus zur mächtigsten Frau der Welt wurde.
Hidden Champion der CDU
Noch bis zum Jahr 2000 war aber keineswegs vorhersehbar, welche Rolle Angela Merkel später einmal spielen würde. Auf ihrem Gebiet, in ihrem Umfeld stets geachtet, aber außerhalb nahezu unbekannt und unterschätzt. Im Verhältnis zu Helmut Kohl oder Roland Koch, zu Helmut Schmidt oder Joschka Fischer, zu Heiner Geißler oder Oskar Lafontaine war Angela Merkel bis zum Jahr 2000 eher ein Hidden Champion. Auch als FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher 2003 die „Männerdämmerung“ ausrief, glaubte niemand, dass die Merkel dereinst Kanzlerin würde. Allein sie wusste, was sie wollte. Sie wusste auch, dass die meisten anderen das nicht wollten. Und sie wusste, dass sie die Power und das Netzwerk hat, die entscheidenden Titelkämpfe zu gewinnen.
Lauter Aschenputtels
Vor dieser Kanzlerschaft wurden Frauen oft systematisch unterschätzt. Das hatte durchaus Vorteile. Aus solcher Deckung heraus haben die Kindermädchen und Telefonfräuleins Ursula Piëch, Liz Mohn und Friede Springer die mächtigen Konzerne ihrer Männer übernommen. Weil sie die Einzigen waren, denen ihre Männer tatsächlich rückhaltlos vertrauten, stiegen sie als Aschenputtel von der Geliebten zur Unternehmenslenkerin auf.
Angela Merkels Weg war ungleich schwerer: Als sie im Dezember 1999 in der FAZ schrieb: „Die Partei muss also laufen lernen, muss sich zutrauen, in Zukunft auch ohne ihr altes Schlachtross, wie Helmut Kohl sich oft selbst gerne genannt hat, den Kampf mit dem politischen Gegner aufzunehmen. Sie muss sich wie jemand in der Pubertät von zu Hause lösen, eigene Wege gehen.“ hatte sie die eigene Abnabelung vom Ziehvater schon lange bewältigt.
Vom Glück des Zufalls
Es gibt keinen Erfolg ohne Glück. Auf zufällige Chancen muss man vorbereitet sein. Max Frisch sagte „Es ist das Fällige, was uns zufällt.“ Angela Merkel hatte viel Glück. Und sie war immer vorbereitet. Damals. Im Jahr 2000 war sie Generalsekretärin der CDU. Wolfgang Schäuble als CDU-Vorsitzender musste wegen Verwicklung in die Spendenaffäre zurücktreten. Im entstandenen Vakuum war Merkel plötzlich die politisch unbelastete Macherin. Sie nutzte diese Chance hundertprozentig aus. Merkel, die Naturwissenschaftlerin, analysierte „die Männer“ in aller Ruhe wie experimentelle Anordnungen im Labor. Unkontrollierte Gefühlsausbrüche sind ihr fremd. Umso systematischer sind ihre Schlussfolgerungen. Gnadenlos konsequent setzt sie ihre Entscheidungen um.
„Meschuggener Weltgeist“
Als Angela Merkel im Jahr 2007 den Leo-Baeck-Preis vom Zentralrat der Juden verliehen bekam, hielt der 1976 aus der DDR ausgewiesene Liedermacher Wolf Biermann eine Laudatio, die nahezu eine Liebeserklärung war. „Sie, Angela Merkel, kommen mir vor, wie […] ein gelungenes Zufallsprodukt der Weltgeschichte. Der Philosoph Hegel würde sich schieflachen! Was für'n wunderbar meschuggener Weltgeist: Ausgerechnet das Menschenkind Angela aus dem Pfarrhaus, das prima Russisch gelernt hat in der DDR, wo kein normaler Schüler Russisch lernen wollte, redet nun Tacheles mit den Russen. Eine Frau, die die Gesetze der Physik studierte, in einem Land, wo 2 mal 2 nicht 4 sein durfte - ausgerechnet sie bringt den Großkopften der Europäischen Union lebensklug wie eine erfahrene Grundschullehrerin das kleine Einmaleins der politischen Moral bei - und dazu das große Einmaleins einer moralischen
Politik.
Ausgerechnet eine Frau aus der größten DDR der Welt zeigt den Machtmännern, dass unsere Erde tatsächlich immer kleiner wird, dass unser Planet in Bälde eine globale Dorfregierung braucht und dass also die verteufelte Globalisierung die einzige Chance für uns ist, als Menschheit womöglich noch ein paar Jahrtausende auf diesem Erdball durchs Universum zu rollen.“
Mutti macht das schon
Die ganz große Mehrheit der Deutschen, 47 Prozent der Bevölkerung, hält einer Forsa-Umfrage zufolge Bundeskanzlerin Angela Merkel für selbstlos. Sie setze das Land an erste Stelle ihrer Arbeit, dann erst die Partei, und erst dann kommen persönliche Interessen. Niemandem sonst wird soviel Selbstlosigkeit zugetraut. Ihr Vorgänger Gerhard Schröder konnte Leute in einem Saal viel mehr begeistern als sie, als Redner war er einmalig. Seine Selbstinszenierung mit Anzug und Zigarre nahmen ihm die Genossen nicht zu sehr übel. Aber all das machte es Merkel leicht, sich bewusst von diesem Bild abzusetzen. Bei der Vielfalt der tatsächlich brisanten oder medial hochgespielten Themen verliert sie nie den Überblick. Im Kleinkrieg des politischen Alltagsgeschäfts lässt sie die Minister weitgehend machen. Das hat den Vorteil, dass sie selbst unverbraucht bleibt, wenn die öffentliche Bewertung des Themas kippt. Merkel lässt „das Spiel“ oft lange allein laufen. Sie lässt das Schicksal würfeln. Man kann sie nicht in Auseinandersetzungen hineinziehen, die sie nicht zu ihrem Thema machen will. So entstand das Bild von „Mutti“ im Gegensatz zum Basta-Kanzler Gerhard Schröder.
„Ohne Alternative“
So sehr Angela Merkel in der Öffentlichkeit Verständnis und Empathie ausstrahlt, so wenig können sich diejenigen auf Schutz verlassen, die zum inneren Kreis der Macht gehören. Als zum Beispiel kurz nach der letzten Bundestagswahl die FDP und hier vor allem ihr Außenminister und damaliger Vizekanzler Guido Westerwelle ins Kreuzfeuer der Kritik geriet, wäre es leicht gewesen, ihrem Koalitionspartner den Rücken zu stärken. Sie tat es nicht. Westerwelle hatte damals keine Chance. Er hätte übers Wasser laufen können und seine Kritiker hätten das dennoch nicht bewundert, sondern gelästert „Nicht mal Schwimmen kann er!“. Merkel beobachtete stets äußerlich unbeeindruckt und entschied nach dem Ergebnis. Ihre Strategie heißt Sieg. Ihre Taktik richtet sie danach aus, welche Karten das Leben gerade bereit hält.
So lief es auch bei Norbert Röttgen. Glaubt wirklich jemand allen Ernstes, die Kanzlerin hätte mit ihrem Umweltminister, der als Muttis Klügster für die Politkarriere im Jahr 2007 die stressfreiere und besser bezahlte Tätigkeit als Hauptgeschäftsführer beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) ablehnte, nicht das Szenario der Wahlniederlage vorbereitet? Ausgerechnet die Kanzlerin, die instinktsichere und coole Machtpolitikerin soll sich nicht vorher Gedanken gemacht haben? Glaubt jemand wirklich, dass sie von Röttgen verlangt hätte, als Oppositionsführer nach NRW zu gehen, wo der damals noch mediensichere und loyale Röttgen in Berlin für sie punkten sollte? Natürlich war zuvor abgestimmt, dass ihr erfolgreicher Umweltminister bei verlorener Wahl in Berlin weitermacht. Aber das sollte natürlich nicht thematisiert werden. Erst Röttgens Ungeschick in NRW hat ihn auch das Amt in Berlin gekostet. Wenn Merkel entscheidet, dann ohne Widerspruch. Ohne Gegenrede. Ohne Alternative.
Es muss ein Rock durch Deutschland geh’n
„Unsere Probleme sind von Menschen gemacht, darum können sie auch von Menschen gelöst werden“, sagte John F. Kennedy. Roman Herzog fügte hinzu: „Das gilt auch für uns Deutsche“. Die von Herzog beschworene „kollektive Anstrengung“, der wohlorganisierte, gemeinschaftliche „Ruck durch Deutschland“ hat aber bisher aus eigener Kraft nicht stattgefunden. Um ihn auszulösen, bedarf es offenbar mehr als der bisherigen Reförmchen und Parteitagsdeklarationen. Es bedarf offenbar der Erschütterung. Diese Erschütterung muss nicht von Katastrophen oder Kriegen ausgehen. Sie kann von starken Persönlichkeiten ausgelöst werden, die die politische Macht übernehmen und notwendige Strukturreformen gegen alle Widerstände durchsetzen. Immer mit dem Risiko endgültigen persönlichen Scheiterns. So geschehen in den 80er Jahren: Michail Gorbatschow in der Sowjetunion, Margaret Thatcher in Großbritannien, Deng Xiaoping in China, David Lange in Neuseeland.
Der AFSFF
Im Jahr 2000 versuchte Angela Merkel sich noch mit der Formulierung einer „Neuen Sozialen Marktwirtschaft“ zu profilieren. Sie übernahm Positionen aus dem Schröder-Blair-Papier von 1999. Sie brachte das Ganze mit dem Parteitag 2001 als Teil der CDU-Programmatik ein. Die Chance zum großen wirtschaftspolitischen Wurf hatte Angela Merkel in der großen Koalition in den ersten Monaten nach der Bundestagswahl 2005. Sie entschied sich dagegen. Wie bereits zuvor Helmut Kohl will sie als geachtete Außen- und Europapolitikerin in die Geschichtsbücher eingehen, nicht als starke Reformerin im Inneren. Es ist der einfachere Weg. Die SPD hat den Sozialismusbegriff wieder entdeckt. Sogar die „Zeit“ kommentiert den generellen Linksruck in Deutschland als Tatsache. Viele konservative Stammwähler hat Angie schwer enttäuscht. Manche befürchten schon die Fusion zur neuen Grünsozialunions-Einheitspartei SED (So Endet Deutschland). Ulrich van Suntum brachte jüngst parodierend den AFSFF ins Spiel: den Alternativlosen Fonds zur Sozialisierung fauler Forderungen.
Merkels Basta-Varianten
Im Mai entrüstete sich Hans-Olaf Henkel im Handelsblatt: „Nicht zu fassen, Schäuble will die griechischen Bürgerinnen und Bürger darüber abstimmen lassen, ob sie weitere (deutsche) Hilfen in Anspruch nehmen wollen, aber auf die Idee, die deutschen Wählerinnen und Wähler zu befragen, ob sie bereit sind, weiterhin ihr Geld - und das ihrer Kinder - in das griechische Fass ohne Boden zu versenken, kommt er nicht. […] Bevor er auf die Idee kommt, die Akzeptanz europäischer Politik durch Direktwahl des Kommissionspräsidenten zu verbessern, hätte er nicht erst einmal vorschlagen müssen, in Zukunft auch die Deutschen ihr eigenes Staatsoberhaupt direkt vom Volk wählen zu lassen?“
Doch Merkelscher Politik sind plebiszitäre Demokratien, in der das Volk auch über wichtige Sachfragen direkt abstimmt, völlig fremd. Ihr liegt die repräsentative Demokratie, bei der das Volk nur alle paar Jahre gefragt wird, welche Parteien regieren sollen. Zur Vorstellung des Allensbacher Jahrbuchs der Demoskopie am 3.3.2010 erklärte sie, „dass all die großen Entscheidungen keine demoskopische Mehrheit hatten, als sie gefällt wurden. Die Einführung der Sozialen Marktwirtschaft, die Wiederbewaffnung, die Ostverträge, der Nato-Doppelbeschluss, das Festhalten an der Einheit, die Einführung des Euro und auch die zunehmende Übernahme von Verantwortung durch die Bundeswehr in der Welt – fast alle diese Entscheidungen sind gegen die Mehrheit der Deutschen erfolgt.
Erst im Nachhinein hat sich in vielen Fällen die Haltung der Deutschen verändert. Ich finde es auch vernünftig, dass sich die Bevölkerung das Ergebnis einer Maßnahme erst einmal anschaut und dann ein Urteil darüber bildet. Ich glaube, das ist Ausdruck des Primats der Politik. Und an dem sollte auch festgehalten werden.”
Die Zukunft ist offen
Dieser Interpretation des „Primats der Politik“ stimmen jedoch nicht mal alle Fraktionsmitglieder zu, geschweige denn politische Partner und Gegner. Schon vor zwei Jahren bezeichneten Gerd Habermann und Frank Schäffler die Maßnahmen, um die südeuropäischen Länder zu retten, als „stille Währungsreform“.
In die Aufhebung der drei Säulen der Währungsunion a) Unabhängigkeit der Zentralbank, b) kein Ankauf von Staatsanleihen, c) keine kollektive Haftung für Schulden eines Mitgliedslands sah Habermann einen „Staatsstreich“ und „kollektiven Rechtsbruch“. Günther Jauch fragte die Kanzlerin am 25.9.2011: „Das kann doch nur heißen, [...] dass [...] ein europäischer Haushalt gebildet wird, der dann auch über unsere nationalen Gelder entscheidet, dass wir ein Stück unserer nationalen Souveränität damit aufgeben?“ Sie antwortete noch ausweichend „Soweit würde ich jetzt im nächsten Schritt nicht gehen. [...] So weit sind wir ja noch nicht.“ Wohlgemerkt: Noch nicht.
Damals kommentierte Carlos Gebauer: „Was aber antwortet die Kanzlerin auf Günther Jauchs Frage, ob sie ein solches Europa nötigenfalls auch gegen den Willen des von ihr vertretenen Volkes durchsetzen wolle? Sie antwortet: Ja. Denn sie sei überzeugt von dem europäischen Gedanken. Dass sie die nötigen parlamentarischen Mehrheiten zur Durchsetzung ihrer diesbezüglichen Vorstellungen finden werde, das halte sie für sicher. Den Willen des Souveräns – ihrer Wähler – zu vollziehen, das ist wohl nicht mehr die Sache dieser Kanzlerin.“ Gut möglich, dass im Zuge der Weltfinanzkrise und Eurorettungsorgien die Taktik des „Merkelns“ schwächelt. Auch im nächsten Jahr wird Unvorhersehbares passieren. Vielleicht sogar eine neue Große Koalition. Vielleicht sogar mit einer dritten Amtszeit für die Kanzlerin.
Wie die meisten Mittelständler startete Angela Merkel als Hidden Champion und verlor über Jahre nie die Bodenhaftung zu „ihrem“ Wahlvolk. Das sind ihre sieben Erfolgsregeln:
Erkenne Dich selbst und Dein Gegenüber |
Sichere schrittweise Deine Fundamente |
Sei sorgsam in der Auswahl Deiner Freunde – und Feinde |
Plane alles bis zum Ende |
Verpasse nie den richtigen Zeitpunkt |
Entscheide beherzt, aber überlegt |
Handle stets mit voller Kraft |










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