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Simenon - Brief an meinen Richter
Von: Ansgar Lange Briefroman über eine leidenschaftliche Liebe
Es ist ein Glück, Bücher von Georges Simenon lesen zu dürfen. Nicht nur die Kriminalromane über den Pariser Kommissar Maigret bieten Spannung, Unterhaltung und Niveau. Auch und vor allem die Non-Maigret-Romane sind zu empfehlen. Sie stehen in reicher Zahl zur Verfügung, da Diogenes in einer sehr schönen Ausgabe 50 Romane in revidierten Übersetzungen neu herausbringt. Bei Simenon kann man so gut wie sicher sein, dass man sich bei der Lektüre keine Minute langweilen wird. Die Sprache ist so elegant wie schlicht. Das Einfache ist meist das Beste. Simenon hat Menschen aus dem Leben geschaffen. Man spürt seine Sympathie für die „kleinen Leute“, sein Interesse für Menschen, Essen, Trinken, Tabak, Gerüche, Orte usw.
Sexuelle Obsession und die absolute Liebe
Ähnlich wie in seinem Liebesroman „Drei Zimmer in Manhattan“ geht es in dem in Florida verfassten und 1947 erschienenen Roman „Brief an meinen Richter“ um sexuelle Obsession, um die absolute Liebe. Allerdings ahnt der Leser hier von Beginn an, dass die Geschichte nicht gut ausgehen wird, denn Dr. Charles Alavoine schreibt einen langen Brief an seinen Untersuchungsrichter Ernst Coméliau, da er wegen Mordes vor Gericht steht. Auf 250 Seiten führt uns der Autor hinein in die Welt dieses eigentlich grundsoliden und anständigen Provinzarztes. Am Ende wird Alavoine schreiben: „Wir haben die absolute Liebe gewollt“. Doch diese absolute Liebe scheitert nicht zuletzt am Vorleben der Geliebten und an den immer wahnhafteren Vorstellungen des eigentlich zärtlich liebenden Arztes, der Menschen heilen sollte, aber im Laufe der Zeit die eigenen Aggressionen nicht mehr unter Kontrolle halten kann und zu körperlicher Gewalt gegen die Geliebte greift.
Der Arzt, der in seinen beiden vorherigen Ehen keine wahre Liebe erlebt hat, beschreibt sich selbst als „Gelegenheitsverbrecher“: „Vierzig Jahre lang bin ich wie Sie, wie die anderen ein freier Mensch gewesen. Niemand ahnte, dass ich eines Tages das werden würde, was man einen Verbrecher nennt.“
Von Liebe und Leidenschaft kann keine Rede sein
Alavoine ist von „hässlicher“, bäuerlich-derber Gestalt. Der Vater stirbt früh, die Mutter, mit der er auch als Arzt noch unter einem Dach lebt, ist eine zutiefst unsichere Frau, die es allen, vor allem ihrem gesellschaftlich aufgestiegenen Sohn, recht machen will. Das erste biedere Glück zerbricht, als seine Frau bei der Geburt des zweiten Kindes stirbt. Nach einiger Zeit übernimmt eine neue Frau schnell das Ruder im Arzthaus, sie ist praktisch veranlagt, von Liebe und Leidenschaft kann keine Rede sein, die Mutter des Arztes wird zusehends an den Rand gedrängt.
Und dann, eines unverhofften Tages, trifft es Alavoine wie ein Schlag. Er begegnet einer jungen Frau, mit zwei Koffern auf einem Bahnsteig. Der Protagonist, der scheinbar so normal ist, verfällt einer Frau, die sexuell aufgrund früherer Erfahrungen zutiefst gestört ist: „Ihre sexuelle Erregung hatte nichts Natürliches. Sie klammerte sich daran, um einer Leere zu entkommen.“
Liebe? Leidenschaft? Wahn?
Bald kann sich Alavoine das Leben ohne diese gar nicht mal besonders hübsche junge Frau nicht mehr vorstellen. Er geht immer schamloser vor und macht sie zu seiner Helferin in der Praxis, damit er über ihren Körper verfügen kann. Beide klammern sich aneinander – wie Ertrinkende. Am Schluss werden sie in der Flut untergehen. War es Liebe, war es bloße Leidenschaft oder gar Wahn? Der Leser kann sich sein Urteil selbst bilden. Denn – das ist das Gute an Simenon – er verurteilt Menschen nicht, ja er urteilt noch nicht einmal über sie. Er beschreibt nur ihr Leben und die Umstände, in die sie gefangen sind. Zu Herzen geht diese Geschichte, die 1952 mit dem Don Camillo-Darsteller Fernandel verfilmt wurde, allemal.
Georges Simenon: Brief an meinen Richter. Diogenes Verlag AG: Zürich 2012. 251 Seiten. 9,00 Euro. ISBN 978 – 3 – 257 – 24126 – 6.








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