OPS Netzwerk GmbH | Zur Startseite
Startseite » OP am offenen Herzen

Dienstag, 22. Mai 2012

Freitag 10. September 2010 - 08:00

OP am offenen Herzen

Von: Anette Runge

Herz-Rhythmus-Störung im Ruhrgebiet

Die neue Ministerpräsidentin Hannelore Kraft und ihr Arbeitsminister Guntram Schneider müssen um die „Kohle“ bangen (Foto: Ralph Sondermann)

Die Steinkohle wird in Deutschland noch mit jährlich 2 Mrd. Euro subventioniert (Foto: obs/DSK)

Die Energie aus dem Solarturm in Jülich reicht nicht für alle (Foto: Wikipedia/GFDL/CC/Maurice van Bruggen)

Kugelhaufenreaktor im Forschungszentrum Jülich (Foto: Wikipedia/GFDL/CC/Maurice van Bruggen)

Im eigenen Vorgarten (Foto: obs/RAG)

(Quelle:UBA)

(Quelle:UBA)

Keine der anderen, gerade auch der großen Montanregionen auf der Welt hat einen gleichermaßen klaren Weg in die Zukunft auf der Grundlage des industriellen Erbes angetreten. Das Gegenbild lieferte Amerika: „ghost cities“, Geisterstädte, die übrig bleiben, wenn der Bergbau aufhört. Wenn der Bergbau in NRW aufhört, könnten die Kohle-Ressourcen den Übergang in eine fossilfreie Energiewirtschaft erleichtern.

Die Politik

„Bei den erneuerbaren Energien steht NRW auf einem beschämen­den 12. Platz“, schimpfte Norbert Römer aus der SPD, jetziger Nachfolger von Hannelore Kraft als Vorsitzender der SPD-Fraktion im Düsseldorfer Landtag vor seinem Aufstieg.

Jetzt ist die Energiepolitik in den Händen von Rot-Grün. Ein Graben trennt die beiden in der Frage der Steinkohlesubvention. Für die SPD war immer klar: Sozialverträglichkeit vor Wirtschaftlichkeit, die Grünen wollen das „Ende der Epoche“.

Es geht um die „Kohle“

Römer und seine Chefin sehen sich am Anfang ihrer Regierungszeit gleich mit dem Entzug der gewohnten­ Infusion für die Region konfrontiert: Ende Juli überraschte die EU-Kommission das Kanzleramt in Berlin und auch die NRW-Regierung mit einem Beschluss, demzufolge die Subventionen für den Steinkohleabbau bis 2014 enden müssen.
Eine Überraschung, die es eigentlich gar nicht hätte geben dürfen, aber das Herz der Ministerpräsidentin Hannelore Kraft blutet. Sie erklärt den Vorschlag der EU-Kommission zum vorzeitigen Auslaufen der Betriebsbeihilfen für Steinkohlebergwerke für nicht akzeptabel. Für NRW geht es um sehr viel Geld.

Kreislauf-Schock

Der Kohlepfennig galt bis 1995. Seither wird aus dem Staatshaushalt subventioniert. Zwischen 1997 und 2006 brachten der Bund für die Steinkohleförderung allein fast 30 Mrd. und NRW weitere fast 5 Mrd. Euro auf. Bisher wurde im „Kohlekompromiss“ bis 2018 zusätzlich mit gut 10 Mrd. Euro gerechnet. Ist die Kreislauffunktion im Ruhrgebiet in Gefahr?

Natürlich ist das ein Schreck in NRW. Arbeitsminister Guntram Schneider hat durchkalkuliert: „Wenn die Zechen schon 2014 stillgelegt werden, verlieren mehr als 23 000 Beschäftigte ihren Arbeitsplatz. Das hat katastrophale Auswirkungen insbesondere für das Ruhrgebiet und ist nicht hinnehmbar.“

Andererseits

Die Steinkohlenförderung in Deutschland ist international nicht wettbewerbsfähig. Steinkohle kann nur aus großen Tiefen gewonnen und ohne Probleme durch Importe ersetzt werden. Das rheinische Revier ist das größte Braunkohlerevier in Europa.
Durch den Verbund von Tagebau und Kraftwerk bieten Erzeugungsanlagen auf Braunkohlenbasis eine hohe Effizienz und ein Höchstmaß an Versorgungssicherheit. Etwa ein Viertel des Strombedarfes der Bundesrepublik Deutschland wird durch Braunkohle gedeckt.

Das größte Loch Europas

Ein großer Eingriff in die Natur: Zwischen Bergheim und Jülich befindet sich der Braunkohletagebau Hambach, das  „größte Loch Europas”. Auf einer Fläche von 85 Quadratkilometern dringen die Bagger in Tiefen von über 450 Meter vor, um die Kohle zu fördern. Der Eiffelturm würde in das Loch passen, und nichts von ihm würde herausschauen.

In der Ebene der niederrheinischen Landschaft klaffen riesige Tagebaue. Dazwischen erheben sich – aufgeschüttet aus dem Abraum – bis zu 200 Meter hohe künstliche Hügel und Berge. Ganze Ortschaften müssen umgesiedelt werden; neue Landschaften mit Ackerbauflächen, Wäldern und Gewässern entstehen. Unausweichlich sind mit diesen Eingriffen in die Natur viele Probleme verbunden.

Energiemix

Die Stromerzeugung baut in Deutschland heute auf den „drei Säulen“ Braunkohle (23,5%), Steinkohle (20,1%) und Kernenergie (23,3%) auf. Erdgas trägt zu etwa 13,0% zur Strom­erzeugung bei. Seit Mitte der 90er Jahre fördert die Bundesregierung die Stromerzeugung  aus erneuerbaren ­Energien auf der Grundlage des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG). Seitdem ist­ die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien stark angestiegen, besonders durch den Ausbau der Windenergie. Erneuerbare Energien tragen inzwischen zu 14,4% zur Strom­erzeugung bei.

Meinung in NRW

Laut „Forsa“-Umfrage vor der NRW-Wahl im Mai steht das Bundesland, was die Zufriedenheit mit dem Einsatz von Landes- und Kommunalpolitikern für regenerative Energieträger anbelangt, im Ländervergleich lediglich auf dem vorletzten Platz.
Mit 81% äußerten mehr als vier Fünftel der Befragten in NRW die Erwartung an die politischen Vertreter, sich mehr für die erneuerbaren Energien zu engagieren.

Rund 73% der NRW-Bürgerschaft bezögen den Strom des eigenen Anbieters am liebsten aus regenerativen Quellen.

„Signifikant ist aber die Tatsache, dass mehr als 70% einen Solarpark akzeptieren, jeder Zweite eine Windenergieanlage und 40% eine Biomasseanlage. Mit weitem Abstand folgen Gas- (15%), Atom-(11%) und Kohlekraftwerke (4%)“, fasste Jan Dobertin, Geschäftsführer des Auftraggebers Landesarbeitsgemeinschaft Erneuerbare Energie NRW zusammen.

Aufgabe Mittelstand

Ganz oben auf der Agenda für langfristig erfolgreiches Wirtschaften steht heute die Steigerung der Energieeffizienz. Durch sie kann der Mittelstand wichtige Wettbewerbsvorteile erzielen. Experten gehen davon aus, dass je nach Branche, Alter und Struktur eines Unternehmens kosteneffiziente Energieeinsparungen von 5 bis 40% möglich sind.

Der Zukunftsmarkt erneuerbare Energien bietet mittelständischen Unternehmen die Chance, Energie für den Eigenbedarf oder den Markt zu produzieren. Während die Energiegewinnung aus fossilen Rohstoffen wie Kohle oder Gas von großen Konzernen dominiert wird, eröffnen regenerative Energien eine neue Dimension unabhängiger dezentraler Versorgung. Sprich: Der Mittelstand soll es richten.

ABER

„Es ist schon höchst bedauerlich, wenn man nicht mehr im eigenen Vorgarten experimentieren kann“, meint Per Nicolai Martens, Leiter des Instituts für Bergbaukunde in ­Aachen. Es gibt zu bedenken: Gerade auch die mittelständisch strukturierten Betriebe der deutschen Bergbautechniksparte genießen einen entscheidenden Standortvorteil: die Nähe zum Steinkohlenbergbau im eigenen Lande. Hier erhalten sie wichtige Impulse für Neuentwicklungen.

Neben dieser Bedeutung als Versicherung für die Rohstoff- und Energieversorgung, neben seiner Bedeutung als wichtiger Arbeitgeber und Ausbilder wird es schwieriger werden, in diesem Segment Industrieaufträge zu bekommen. Es wird einen Wandel geben.

Dilemma

Erneuerbare Energien sollen also entsprechend den Zielen der Politik und auch entsprechend der Meinung der Bürger einen zunehmenden Beitrag zur Strombereitstellung leisten. Ihr Anteil könnte laut einiger Politiker bis 2030 in Deutschland auf 50% steigen. Bis dahin braucht das Energie-Herz aber einen Bypass. Erneuerbare Ener­gien können nur zu weniger als 10% ihrer installierten Leistung als gesicherte Leistung gezählt werden, damit können sie, sofern keine ausreichenden Speicher existieren, zwar Brennstoffe ersetzen, aber praktisch keine Kraftwerke (notwendige Backup-Leistung zur Lastregelung und damit Netzstabilisierung).

Studie

Es gibt eine neue 32-seitige Studie „Kraftwerke 2020+“ – Kraftwerks­optionen für die Zukunft. 30 euro­päische Professoren gehen auch nach der Wirtschaftskrise und trotz aller Sparbemühungen von einer jährlichen EU-Stromproduktion von 3 700 Mrd. kWh bis 2020 aus, plus einem altersbedingten Ersatzbedarf von 800 Mrd. kWh. Dieser Zusatzbedarf kann über die drei Säulen dargestellt werden:

  • Kohleverbrennung und -vergasung,
  • erneuerbare Energien (im Wesentlichen Offshore-Wind und Solar­energie)
  • Kernenergieeinsatz.

Was tun?

Seit den 70ern heißt es: „Atomkraft? Nein Danke!“ Für erneuerbare Energien ist die Mehrheit, und umweltfreundliche Kohlekraftwerke mit CO2-Rückhaltung und CO2-Abscheidung sind in der Diskussion. Seit 14. Juli 2010 gibt es zwar einen neuen CCS-Gesetzentwurf. Dabei geht es um die Demonstration und die Anwendung dieser Technologien.

Carbon Dioxide Capture and Storage (CSS) ist die Abscheidung von Kohlendioxid insbesondere aus Verbrennungs-Abgasen sowie dessen Injektion und behälterlose Lagerung in tiefen unterirdischen Gesteinsschichten auf unbegrenzte Zeit.

Die Abtrennung von CO2 am Kraftwerk kann trotz langjähriger Erfahrungen mit der CO2-Abscheidung in der chemischen Industrie (speziell der CO2-Wäsche) noch nicht als zufriedenstellender Stand der Technik bezeichnet werden.

Andere Technologien haben im Moment keine große Lobby, wie Recycling mit Wasserstoff zu Methanol. Die Methanolsynthese wurde in Verbindung mit dem Kugelhaufenreaktor als Energielieferant im Jülicher Forschungszentrum erprobt.

Das Herz in NRW

Zumindest für die Bergbautechnik bietet sich laut Internationaler Energieagentur bis zum Jahr 2030 allein auf dem Kohlesektor ein gewaltiger Markt mit einem weltweiten Inves­titionsbedarf von 400 Mrd. Euro.

„Wissenschaftliche Einrichtungen und Bergbauzulieferunternehmen im Land entwickeln gemeinsam sehr erfolgreich zahlreiche und wegweisende Innovationen bis zur Marktreife“, betonte der nordrhein-westfälische Staatssekretär im Wirtschaftsministerium Jens Baganz auf der „bauma 2010“ im April. Ganz stolz ist man auf die speziell in Nordrhein-Westfalen mit Erfolg eingesetzte Methangasverwertung.

Sie trägt maßgeblich zur Erhöhnung der Bergbausicherheit und gleichzeitig zum Klimaschutz bei. Anlagen zur Grubengasverwertung werden mit deutscher Technologie bereits heute in zahlreichen Bergbauländern wie China, Russland und der Ukraine erfolgreich eingesetzt.

Ziel ist es, neue Absatzmärkte für kleine und mittelständische Unternehmen weltweit zu erschließen und die internationale Wettbewerbsfähigkeit für die Bergbauzulieferbranche zu sichern. Schwerpunkte der Aktivitäten sind Länder mit steigender Rohstoffproduktion wie China, Russland, Indien oder die Kontinente Australien, Nord- und Südamerika.

Blaue Banane

Der Verdichtungsraum „Blaue Banane“ und mit ihm NRW steht heute in enger globaler Konkurrenz und Kooperation zu anderen Verdichtungsräumen in der Welt, etwa zu Boswash, zu Chipitts oder zu Sansan in den USA oder zu den großen Ballungsräumen an den Küsten und großen Flüssen Asiens.

„So mancher postmoderne Kritiker sieht die Industriegesellschaft am Ende. Man muss nur auf die Schwellenländer, nach China, Indien oder Lateinamerika blicken, um sich über solchen Unsinn belehren zu lassen. Sie ist auch in Deutschland keineswegs zu Ende, ganz im Gegenteil, sie steht nur wirtschaftliche längst auf anderen Füßen“, meint Klaus Tenfelde, Direktor des Instituts für soziale Bewegungen. Glück auf!

 

Weiß-Schwarz
  • „weißer Bereich“: aus der RAG Aktiengesellschaft ausgegliedert, heißt Evonik Industries AG mit Sitz in Essen, deutscher Mischkonzern, Geschäftsfelder Chemie, Energie und Immobilien, beschäftigte 2009 rund 38 700 Mitarbeiter, Jahresumsatz 13,1 Mrd. Euro

 

  • „schwarze RAG“: fördert deutsche Steinkohle, wird subventioniert; ca. 18 000 Bergleute, die etwa 13 Mio. t Steinkohle fördern


(Quelle: Wikipedia)

 

 


Banner

P.T. Newsletter nicht verpassen!





22.05.2012 -14:30

Firmensoftware oft k...

"Schattenwirtschaft" unlizenzierter Software in...


22.05.2012 -14:00

Zwangsrente – na und...

Über das Desinteresse der Medien an der...


22.05.2012 -12:30

Mitarbeiter so kreat...

Vorschlagsquote bei Innovationen steigt um ein...



Zu den Sponsoren - „Großer Preis des Mittelstandes”
Sponsoren - „Großer Preis des Mittelstandes”
Zu den Mediadaten für das P.T. Magazin
Zu den Mediadaten für das P.T. Magazin



Werbepartner

Lampen für Haus & Garten online bestellen bei lampenwelt.de


Leserbrief

Zu: P.T. Magazin 2/2012 - Die beste aller Welten

„Es ist immer wieder faszinierend wie Herr Dr. Schmidt, in seinen Editorials, die Stimmung der Mittelständler trifft. Und bei aller Verzagtheit in unserem Land immer wieder Worte des Mutes und der Zuversicht findet. Frau Tröger setzt mit dem Beitrag „Durchstarten 2012“ noch einmal einen drauf mit der Mahnung an uns Leser, dass vieles in unseren eigenen Händen liegt. Ich freue mich als positiver Mensch sehr, dass es mit dem PT Magazin ein Informationsmedium gibt, welches nicht mit zweifelhaften Vermutungen, sondern mit Fakten argumentiert und die positiven Seiten beleuchtet.
Hans-Jürgen Germerodt