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Kategorie: P.T. Finanzen
Montag 19. November 2007 - 08:14

Ausflug ins Minenfeld

Mit seinem Buch „Die Abgestellten“ versucht sich Wirtschaftspublizist Günter Ogger an einem Nachruf auf den festen Arbeitsplatz deutscher Angestellter – und scheitert kläglich.

Günter Ogger

(Foto: © Christine Strub)

Erwerbstätige nach Stellung und Beruf 1991-2005

Die aufsehenerregende Manager-Schelte „Nieten in Nadelstreifen“ machte Günter Ogger zu einem „Star“ unter den deutschen Wirtschaftsjournalisten. Hier konnte er aus dem Nähkästchen plaudern, denn Oggers Welt ist die der DAX-30-Konzerne. Dort kennt er sich aus, da fühlt er sich zu Hause. Doch mit seinem neuesten Werk betrat er völlig fremdes Terrain.

Golfspielende Faulenzer

Das wird spätestens dann klar, wenn der Autor seine ganz persönliche Vorstellung von „den Angestellten“ kundtut: Demnach handelt es sich bei ihnen um „rundum versorgte Wohlstandsbürger“, die sich „die Wirtschaft untertan“ gemacht haben. Golfspielende Faulenzer mit 3.459 Euro Durchschnittsgehalt und 35-Stunden-Woche, zuzüglich 13. Monatsgehalt, Weihnachts und Urlaubsgeld, Fitnesscenter, Schwimmbad und Sauna am Arbeitsplatz – das ist Oggers Bild vom fest angestellten deutschen Arbeitnehmer.

Er präsentiert das zwar nicht in einem Satz, wie hier dargestellt, sondern häppchenweise über knapp 280 Textseiten verteilt, doch seine Botschaft ist unmissverständlich: Sie müssen weg! Oggers Vorstellung von „modernen“ Arbeitnehmern sieht so aus: „Ihr Kündigungsschutz reicht bis zur nächsten Minute, ihre Privilegien sind beschränkt auf das Recht, am Abend müde zu sein.“

Beschränkte Perspektive

Ganz bewusst vergleicht er dabei den Alltag von Tagelöhnern einer Münchner Großmarkthalle mit dem von Siemens-Angestellten in der bayerischen Landeshauptstadt so, als ob es dazwischen nichts gäbe. Für Ogger besteht die deutsche Wirtschaftslandschaft ausschließlich aus Großunternehmen, die sich ihre „Luxusangestellten“ nicht mehr leisten können.

Den Begriff „Mittelstand“ mag der Wirtschaftsjournalist zwar schon mal gehört haben, seine Bedeutung für die deutsche Wirtschaft scheint sich ihm aber ganz offenkundig vollständig zu verschließen. Anders lassen sich seine absurden Vorstellungen der hiesigen Angestellten-Realität nur schwer erklären. Denn als gelernter Journalist, der sein „Handwerk“ von der Pieke auf gelernt hat, wäre es ihm bestimmt nicht schwergefallen, sich mit ein paar Fakten vertraut zu machen, die einer Überprüfung auf ihre reale Existenz auch standhalten.

Drei Millionen neue Arbeitsplätze

Doch dazu müsste der Autor zunächst sein Bild von der einheimischen Wirtschaft vom Kopf auf die Füße stellen. Dann würde er nämlich sehr schnell erkennen, dass für Beschäftigungsentwicklung, -modelle und -charakteristika Konzerne wie Siemens, Daimler, VW, Telekom usw. keineswegs die entscheidende Rolle spielen.

Während diese, zusammen mit kaum mehr als 1 000  weiteren „Großen“ und Staatsbetrieben, in den letzten zwei Jahrzehnten im Millionenbereich Stellen in Deutschland strichen, schufen die rund 3,5 Millionen kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) rund drei Millionen zusätzliche Arbeitsplätze – dauerhafte, wohlgemerkt. Und zwar zumeist in Form eines Angestelltenverhältnisses.

Schlechter Scherz

Allerdings kennen diese Angestellten, wie die meisten ihrer in KMU beschäftigten Kollegen auch, ein 13. Monatsgehalt oder 35-Stunden-Wochen nur aus Erzählungen über Staatsbeamte und Konzernmanager, mit denen sie nun von Ogger in einen Topf geworfen werden. Weihnachts- und Urlaubsgeld? Ja, das kommt schon mal vor – wenn es der Unternehmensertrag zulässt. Soll aber in der gerade zu Ende gegangenen Rezession eher selten der Fall gewesen sein.

Fitnesscenter, Schwimmbad und Sauna in der Firma? Ein ausgesprochen schlechter Witz, schon wenn man die räumliche Ausdehnung tatsächlich „typischer“ Betriebe mit höchstens zehn Mitarbeitern betrachtet. Mehr sind in mindestens 80 Prozent aller Unternehmen gar nicht beschäftigt.

Durchschnittlich nichtssagend

Bleibt das von Ogger behauptete Durchschnittsgehalt eines deutschen Angestellten von monatlich 3.459 Euro: Was sagt das aus? Bei näherer Betrachtung gar nichts. Gut möglich nämlich, dass 70, 80 oder auch 99 Prozent der Angestellten deutlich unter diesem Durchschnitt liegen. Das ist sogar mehr als wahrscheinlich, wenn auch in dieser Statistik die Millionen-Saläre „angestellter“ Manager und Vorstände von DAX-Konzernen enthalten sind. Davon schreibt der Autor zwar nichts, aber es entspräche seinem Bild vom Angestellten. Davon abgesehen, gibt es natürlich auch andere Quellen mit anderen Zahlen.

So beziffert das Statistische Bundesamt das Netto-Einkommen eines Angestellten-Haushalts mit 1.750 Euro. Das würde sich mit Oggers Brutto-Wert ziemlich gut decken – vorausgesetzt, der Haushalt bestünde aus nur einer Person. Das wiederum trifft aber höchstens auf ein gutes Drittel aller Haushalte zu. Wie es sich diesbezüglich bei den Angestellten verhält, ist unklar.

Die gefühlte Kündigungswelle

Überhaupt ist der ehemalige „Capital“-Redakteur nicht besonders wählerisch bei der Auswahl seiner Quellen und Zahlen. Ausgerechnet die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung für die Behauptung heranzuziehen, dass jeder zweite Büroarbeitsplatz „akut gefährdet“ sei, ist schon ein ziemliches Armutszeugnis.Vielleicht hätte sich Ogger da vergewissern sollen, ob die nicht nur von ihrem eigenen Haus sprechen, dem DGB oder den Großunternehmen, in denen die Gewerkschaften noch vertreten sind.

Für die Masse der mittelständischen Betriebe, die über 99 Prozent aller Unternehmen in Deutschland stellen, gilt diese Aussage jedenfalls nicht. Und geradezu grotesk mutet die vom Autor behauptete „Kündigungswelle“ an, „die derzeit durchs Land rollt“. Es dürfte kaum noch Unternehmer geben, die nicht ganze Arien singen könnten von den Schwierigkeiten, Personal zu bekommen: für Verkauf, Vertrieb, Organisation, Kundenbetreuung, Forschung und Entwicklung, mittlerweile sogar wieder für die Produktion. Ganz zu schweigen von den Spezialisten, Facharbeitern und Auszubildenden im technischen Bereich.

Gehirn ausgelagert?

Von diesen Problemen hat der Wirtschaftsjournalist offenbar noch nie etwas gehört, wenn er schreibt: „Eliminiert, ersetzt oder ausgelagert werden jetzt nicht mehr die Muskeln der deutschen Wirtschaft, sondern ihr Gehirn.“ Wer „Die Abgestellten“ gelesen hat und auch nur einigermaßen mit hiesigen mittelständischen Befindlichkeiten vertraut ist, muss kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass Günter Ogger dieser Satz um die Ohren fliegen wird.

Seine Vorstellungen von „der Wirtschaft“ lassen die Denkstrukturen erahnen, in denen er gefangen zu sein scheint: Konzerne, Gewerkschaften, Staat – das ist Oggers Bild von „der Wirtschaft“. Es ist das Bild, welches im BRD-Sozialismus der 70er Jahre von seinen Protagonisten selbst und ihren Schreiberlingen in den Massenmedien entworfen wurde.

Es entsprach bereits damals nur teilweise der Realität; spätestens mit dem Fall des Eisernen Vorhangs war es nicht mehr haltbar. Und deshalb liefert das Buch nach 17 Jahren deutscher Einheit vor allem eine traurige Erkenntnis: nämlich die, dass „einer der bekanntesten deutschen Wirtschaftsjournalisten“ – wie es im Einband heißt – von real existierenden wirtschaftlichen Zuständen in diesem Land nicht zwangsläufig auch nur den Hauch einer Ahnung haben muss.   

Ullrich Rothe

Das Buch

Günter Ogger:   
Die Abgestellten
288 Seiten,
19,95 Euro,
Bertelsmann-Verlag,
2007

ISBN: 978-3-570-00960-4

Gut zu wissen

  • Die 3,5 Millionen kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) machen über 99% aller Unternehmen in Deutschland aus
  • Sie beschäftigen mindestens 70% aller Arbeitnehmern Über die Hälfte aller Beschäftigten sind Angestellte (Tendenz steigend)
  • Allein seit 2003 stellten KMU  400 000 zusätzliche Mitarbeiter ein, während Großunternehmen und öffentlicher Dienst in dieser Zeit über 100 000 Jobs abbauten
  • Rund 80% aller ostdeutschen und zwei Drittel aller westdeutschen Unternehmen sind nicht an Gewerkschaftstarife gebunden

(Quellen: IfM   Bonn, Statistisches Bundesamt, KfW-Mittelstandspanel)

 

 


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