29.08.2006 07:12
Kategorie: P.T. Deutschland, P.T. Handwerk
Von: Ullrich Rothe

Die virtuelle Krise am Bau

Bau-Boom in Ballungsräumen - Innovation zahlt sich aus - Modernisierung vor Neubau

Bauen im Winter. Quelle: obs-Viebrockhaus AG

(ots/eigBer.) - Baubranche - Krisenbranche: So ist es in fast allen Medien zu sehen, zu hören und zu lesen. Betrachtet man die deutsche Bauindustrie etwas genauer, ist dieses Pauschalurteil nicht zu halten. Es trifft weder auf alle Segmente der sehr vielfältigen Branche noch auf alle Unternehmen zu. Daher ist eine differenzierte Darstellung der Situation nicht nur angezeigt, sondern durchaus lohnenswert.

Eigenheimbau in Städte verlagert

In den bevölkerungsreichen Ballungsräumen Westdeutschlands sind Eigenheime beliebter als je zuvor. Nach einer Analyse der Baugenehmigungsstatistik der letzten zehn Jahre stellten die Landesbausparkassen (LBS) in den Kernstädten ein Wachstum von 65 Prozent fest. Wenngleich die LBS aus verständlichen Geschäftsinteressen einen Zusammenhang zur 1996 eingeführten Eigenheimzulage herstellen, ist der Wunsch nach einem eigenen Dach über dem Kopf so alt wie die Menschheit selbst.

Den Trend zur Verlagerung des Eigenheimbaus in die Städte erklärt das Deutsche Institut für Urbanistik (Difu) deshalb auch mit urbanen Entwicklungen. So sei das Interesse am Wohnen in der Innenstadt keine Modeerscheinung. Vielmehr fördere der grundsätzliche Wandel der Lebensbedingungen in den Städten diesen Prozess. In den Großstädten - vor allem im Innenstadtbereich -  ist es in den letzten Jahren zu einem Anstieg von hochqualifizierten Arbeitsplätzen gekommen. Das führte folgerichtig auch zu einer vermehrten Nachfrage nach entsprechendem Wohnraum. Die Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft begünstigt also einen Lebensstil, bei welchem die Trennung von Wohnen und Arbeit nachteilig wird und die Standorte somit wieder näher zueinander rücken.

Dadurch würde sich auch der gleichzeitige Anstieg des Geschosswohnungsbaus in den Ballungsräumen erklären. In jedem Fall ist der Auffassung der LBS zuzustimmen, dass die Städte möglichst bald die Signale bei der Wohnungsbauentwicklung auf Grün stellen sollten, wenn sie ihre Zukunft als Wirtschaftsstandort sichern wollen.

Neue Ideen gefragt

Generell sind Unternehmer selten schlecht beraten, wenn sie nach neuen Erfolgskonzepten suchen. Dabei können "äußere" Begleitumstände gerade in der Baubranche eine ganz entscheidende Rolle spielen. Auf eine ebenso geniale wie einfache Idee kam jüngst die Viebrockhaus AG. Der Trick: Die Häuser werden unter beheizten und beleuchteten Zelten gebaut. Dadurch kann sie ihre Massivhäuser ab sofort auch im Winter, bei Minusgraden, Schnee und Eis bauen. Die Vorteile für sein Unternehmen erklärt Firmenchef Andreas Viebrock so: "Neben der Vollbeschäftigung und der Verhinderung von Arbeitslosigkeit profitieren wir durch eine monatsunabhängige Auslastung. Das bringt einen Liquiditätsvorteil und eine bessere Gesamtkostenverteilung übers Jahr. Und die Gewinnerhöhung schlägt sich natürlich auch positiv auf das immer wichtiger werdende Rating nieder."

Abgesehen davon zahlt sich selbstverständlich der Entwicklungsvorsprung mindestens so lange aus, bis die Konkurrenz nachgezogen hat. Dass das passieren wird, dürfte außer Frage stehen. Denn durch Witterungseinflüsse stehen Baustellen still oder werden gar nicht erst eingerichtet; Handwerker müssen sich arbeitslos melden, und die Unternehmen leiden unter hohen Umsatzeinbußen. Weitere Vorteile des Winterbaus: Nicht nur die Handwerker vor Ort, sondern auch die Zulieferer können weiterarbeiten, fallen nicht in die jahreszeitlich bedingte Arbeitslosigkeit. Dort, wo sonst mindestens zwei Monate Stillstand üblich sind, bleibt die Wirtschaft in Bewegung. Und noch etwas ist Andreas Viebrock wichtig: "Unseren Bauherren entstehen keinerlei Mehrkosten. Ob sie im Juli oder im Januar bauen, spielt preislich überhaupt keine Rolle. Schließlich haben sie ja ein Haus bestellt und kein Zelt!"

Qualität trotzt jeder Krise

Die Abhängigkeit bestimmter Handwerksbetriebe von der "Großwetterlage" am Bau wurde bereits angedeutet. Und doch ziehen Konjunkturkrisen nicht zwangsläufig jedes Unternehmen der betroffenen Branche in ihren Sog. Ein Beispiel dafür liefert der Willstätter Fenster- und Türenhersteller hilzinger.

Schon 1974 verließ man ausgetretene Pfade und begann mit der Produktion von Kunststofffenstern. Und das in einer ländlichen Region, die von der Holzverarbeitung lebte. Heute zählt hilzinger mit rund 470 Beschäftigten zu den sechs führenden Fensterproduzenten in Deutschland und verfügt über ein europaweites Fertigungs- und Vertriebsnetz mit weit über 600 Partnerbetrieben, davon 400 in der Bundesrepublik. In den vergangenen fünf Jahren, also ausgerechnet in der Zeit, als eine die Baubranche betreffende Horrormeldung die nächste jagte, verdoppelte hilzinger seine Umsätze sowie die Anzahl seiner Mitarbeiter und Auszubildenden. Davon war in den Auflagen-Riesen des deutschen Blätterwaldes freilich nichts zu lesen. Und die Erfolgsgeschichte des mittelständischen Handwerksbetriebes aus dem Hanauerland ist beileibe nicht die einzige...

Mutmacher

Seit gut einem Monat ist Heinz Rüsing aus Brandenburg a. D. H. nicht mehr nur Geschäftsführer eines mittelständischen Bauunternehmens, sondern auch "Mutmacher der Nation". Mit seiner Geschichte hat der Chef der CONCEPTA Haus GmbH die Jury der bundesweiten Mittelstands-Initiative überzeugt: Er ist Landessieger in Brandenburg und damit einer der 16 Finalisten, die am 27. Oktober 2005 (nach Redaktionsschluss - Anm. d. Red.) zur feierlichen Mutmacher-Gala nach Berlin reisten. Dort wurden die drei mutigsten Unternehmer Deutschlands ausgezeichnet. Insgesamt haben sich knapp 1 400 Firmenchefs aus dem gesamten Bundesgebiet für diesen Preis empfohlen.

"Das war schon eine Riesenüberraschung und natürlich auch Freude, zu den bundesweit 16 Finalisten zu gehören und für das Land Brandenburg damit Aushängeschild zu sein", kommentierte Rüsing stolz den Sieg und fügte hinzu: "Für unsere Mitarbeiter und natürlich auch für unsere Branche ist das ein ungeheuerer Motivationsschub." 105 Mitarbeiter beschäftigt das 1992 gegründete Unternehmen aus der Stadt Brandenburg heute. Die Schwierigkeiten in der Baubranche meisterte es durch innovative Energietechnik wie Erdwärme, solides Handwerk und hochqualifizierte Mitarbeiter. Obendrein sorgte CONCEPTA mehrfach durch spektakuläre Aktionen für öffentliche Aufmerksamkeit, ging man doch bereits mit zwei Guinness-Weltrekorden in die Geschichte ein. 1998 wurde in nur fünf Stunden und 25 Minuten ein Haus bis zum Dachstuhl gebaut, zwei Jahre später in vier Stunden und 45 Minuten. Aber das hat mit Sicherheit nicht den Ausschlag für die Entscheidung der Mutmacher-Jury gegeben.

50-Milliarden-Euro-Markt

Keine Phantasie-Zahl, sondern Realität: Über 50 Mrd. Euro geben deutsche Wohnungseigentümer jährlich zu Modernisierungszwecken aus. Damit haben Investitionen zur Erneuerung des Wohnungsbestandes das Neubau-Volumen überholt. Zu dieser Erkenntnis kam das Nürnberger Marktforschungsinstitut ICON im Auftrag der LBS. Die größten Impulse kommen von Wohneigentümern, die im Schnitt 14.000 Euro pro Jahr ausgeben; Mieter-Investitionen betragen durchschnittlich 4.000 Euro. Schönheitsreparaturen und andere kleinere Maßnahmen sind darin nach Angaben von LBS Research nicht enthalten. Im Vordergrund stehen eindeutig die Erneuerung und Renovierung von Wänden und Decken (in der Hälfte aller Fälle) bzw. der Fußböden (38 Prozent). Danach folgt die Verbesserung von Fenstern, Türen und Jalousien (30 Prozent). Relativ oft - und mit erheblichem finanziellen Aufwand - ist die Heizungs- und Warmwasseranlage an der Reihe (23 Prozent), bei 18 Prozent die Elek-troinstallation.

Teure Investitionen in Fassade oder Dach gaben immerhin noch 15 bzw. zwölf Prozent der Befragten an. Was sagen diese Zahlen aus? Zumindest machen sie eines deutlich: Baunahe Handwerksbetriebe wie Maler, Fußbodenleger, Türen- und Fensterbauer, sind nicht unbedingt von Neubauten abhängig. Ihr Geschäft kann auch dann sehr gut gehen, wenn sie sich einen möglichst breiten Kundenstamm aufbauen und diesen sorgsam pflegen (z.B. durch besondere Serviceleistungen). Zudem warten in naher Zukunft zwei neue Felder des "Modernisierungsmarktes" auf ihre Erschließung. Nach Angaben der LBS-Experten sind nämlich Energieinvestitionen in Photovoltaik-Anlagen sowie Maßnahmen zum altersgerechten Wohnen mit jeweils drei Prozent noch recht selten.

Das wird sich mit Sicherheit sehr bald ändern. Man muss kein Prophet sein, um auch weiterhin ständig steigende Öl- und Gaspreise zu prognostizieren. Und dass unsere Gesellschaft immer älter wird, ist auch allgemein bekannt. Somit warten auf die Baubranche künftig zwar neue Herausforderungen, zum Nachteil dürften ihr diese jedoch nicht gereichen - im Gegenteil.

Ausgezeichnet 
Im September 2005 wurde die herausragende Unternehmensentwicklung der hilzinger GmbH mit dem "Großen Preis des Mittelstandes", der bedeutendsten
Ehrung für mitteständische Unternehmen in Deutschland, belohnt.

 

 


Bewerte diese Seite

 
 
 
 
 
 
 
Bewerten
 
 
 
 
 
 
0 Bewertungen
0 %
1
5
0
 

Kommentare

Derzeit noch keine Kommentare eingereicht.

Kommentar hinzufügen

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*




CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.

*
*