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Montag 28. August 2006 - 13:23

Dienstleistung und Handel: Kopfsache

Dienstleister und Händler werden nur selten als Unternehmer wahrgenommen. Dabei schaffen gerade sie überdurchschnittlich viele Arbeits- und Ausbildungsplätze.

(Foto: obs/Motorola)

(Quelle: Oskar-Patzelt-Stiftung)

(Quelle: Oskar-Patzelt-Stiftung)

Wenn in Deutschland von Dienstleistungen die Rede ist, dann häufig nur im Zusammenhang mit der sprichwörtlichen "Dienstleistungswüste". Während der Neubau von großen Fabriken und Produktionshallen großen Anklang in der Medienöffentlichkeit findet, werden die Erfolgsgeschichten zahlreicher Dienstleister weitgehend ignoriert.Das traditionelle Primat der Industrie ist auch im Bewusstsein vieler politischer Entscheider hierzulande nach wie vor ungebrochen. Gern lassen sich einige Landesherren bei der Eröffnung neuer Produktionsstätten öffentlichkeitswirksam ablichten. Dagegen werden die Chefs von Dienstleistungsbetrieben mitunter noch nicht einmal als Unternehmer wahrgenommen.

Diese Geringschätzung haben die Dienstleister jedoch nicht verdient. Denn entscheidend ist nicht, wie viel von einem Erzeugnis hergestellt wird, sondern zu welchem Preis es sich verkaufen lässt. Und weil seit geraumer Zeit nahezu alle Produkte - seien es Autoteile, Computer, Maschinen oder Textilien - im Ausland billiger hergestellt werden können, ist in Deutschland der Übergang von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft notwendig.

Passiert das nicht, werden weiterhin massenhaft Arbeitsplätze verloren gehen - vor allem im produzierenden Gewerbe, wo das seit mehr als einem Jahrzehnt anhaltend der Fall ist. Im gleichen Zeitraum entwickelten sich, oft aus Ein-Mann-Betrieben und von der Öffentlichkeit unbemerkt, beschäftigungsstarke Dienstleistungsunternehmen mit enormen Wachstumsraten.

Erfolgreicher Aufbruch

Das Beispiel der DREIECK Dienstleistungs- & Beteiligungs GmbH aus Neuruppin (Brandenburg) ist in diesem Heft bereits erwähnt worden (siehe Seite 10 ff.). Die vier Gesellschafter machten sich 1994 aus der Arbeitslosigkeit heraus selbstständig und beschäftigen heute 850 Mitarbeiter.

Nicht weniger rasant vollzog sich der Aufstieg der Breyer Gebäudereinigung GmbH im bayerischen Buchenberg. Wie DREIECK etablierte sich auch Breyer als Full-Service-Anbieter rund um das Gebäudemanagement. Zwischen 1999 und 2004 konnte der Umsatz mehr als verfünffacht (!) werden; die Anzahl der Mitarbeiter stieg von 104 auf 240.

Solche Erfolge sind allerdings keine Selbstläufer. Hinter jeder einzelnen Geschichte verbergen sich gewaltige Anstrengungen und persönliche Risiken, die ein Unternehmer am Beginn seiner Selbstständigkeit eingehen muss. Das gilt zwar nicht nur für Dienstleister, jedoch betreten diese mit ihren Angeboten oftmals ungewisses Neuland.

Ewiger Kampf

Auf Einrichtungen der Hotellerie und Gastronomie trifft das in besonderem Maße zu. Hier kommt es darauf an, den ständig steigenden Ansprüchen der Kunden durch entsprechende Leistungen und einen umfangreichen Service gerecht zu werden.

Die Inhaber des Hotels "Gutenmorgen" in Dorf Zechlin (Brandenburg) können das heute ruhigen Gewissens von sich behaupten. 1989 zog die Familie mit dem freundlichen Namen an dieses schöne Fleckchen Erde. Aus einem ehemaligen DDR-Betriebsferienheim wurde ein Haus geschaffen, welches keine Wünsche offen lässt. Doch der Start in der Wendezeit war alles andere als einfach. Vor allem harte Winter und die Kohleheizung sorgten für saftige Rechnungen. Aus einem Objekt mit Hotelzimmern im DDR-Stil, Etagendusche und -WC sowie Jugendherbergs-Betten entstand erst nach und nach ein Hotel.

Im April 1995, nach harten Kämpfen mit der Treuhand und vielen schlaflosen Nächten, konnte die Immobilie gekauft werden. Unter dem Motto "Jeder ist seines Glückes Schmied" wurde die gesamte Familie mobilisiert und packte mit an. Nunmehr können die Gäste in 62 Hotelzimmern eine angenehme Nacht und einen entspannten "Guten Morgen" erleben.

Die gesamte Anlage umfasst fünf getrennte Restaurants und eine große Sonnenterasse. Das Restaurant "Zechliner Stube" mit den schönen Holz-Kunsthandwerken stellt einen Bezug zum Erzgebirge her, der früheren Heimat der Familie Gutenmorgen. Das Kaminzimmer ist sehr gut für Familienfeiern und Vereinsfeste geeignet.

Das Restaurant "Talblick" mit der wunderschönen Aussicht wurde ebenfalls neu hergerichtet und dient größtenteils als Seminarraum. Im März 2003 wurde voller Stolz der Wellnessbereich im Gästehaus eröffnet. Dieser beinhaltet eine finnische Sauna, Saunarium, Kneipp, Kübeldusche, Solarium und Ayurveda-Entspannungsmassagen.

Die Idee der Unternehmerfamilie Gutenmorgen, im "Wilden Osten" der Nachwendezeit ein Refugium der Ruhe und Erholung zu schaffen, verhilft heute 22 Mitarbeitern und acht Auszubildenden zu Lohn und Brot. Dennoch schwebt ein Damokles-Schwert über der gesamten Region, das der Geschäftsführerin Birgit Gutenmorgen große Sorgen macht: "Die Kyritz-Ruppiner Heide bereitet uns derzeit sehr großes Kopfzerbrechen. Sollte wirklich eine militärische Nutzung erfolgen, wäre dies das Ende des Tourismus für die Region." Und 15 Jahre Aufbauarbeit wären umsonst gewesen.

im Osten wie im Westen

Eine ganz ähnliche Geschichte spielte sich im baden-württembergischen Bad Peterstal-Griesbach ab - allerdings schon 20 Jahre früher. 1970 wurde dort ein einfacher Bauernhof ausgebaut, der sich inzwischen zum Fünf-Sterne-Hotel gemausert hat. Anfangs gab es noch nicht mal eine Straße zu dem Objekt, keinen Wasseranschluss und keinen Strom. Zudem stellten sich die Behörden beim Erteilen von Baugenehmigungen quer. Trotzdem gelang es, im Laufe der Zeit ein Kur- und Sporthotel mit allem Drum und Dran aufzubauen: Hotel, Restaurant, Wellness-SPA, Boutique, Hüttenbetrieb, Kurhausbetrieb und Confiserie. Heute beschäftigt das Relais & Chteaux Hotel Dollenberg 234 Mitarbeiter und 85 Auszubildende.

Stabilität für die Region

Außergewöhnliches vollbrachte auch die Connex Steuer- und Wirtschaftsberatung GmbH in Halle/Saale (Sachsen-Anhalt). Der Beratungsdienstleister baute zwischen dem Gründungsjahr 1991 und 2004 mehr als 400 Arbeitsplätze auf. Damit gehört die Unternehmensgruppe zu den größten privat geführten Steuerberatungsgesellschaften in Europa.

Neben der Steuerberatung werden umfassende rechtliche und betriebswirtschaftliche Beratungs- sowie Prüfungsleistungen angeboten. Durch die zur Gruppe zu zählenden Firmen erhalten Kunden somit die gesamte Bandbreite der für Unternehmen relevanten und auf deren individuelle Bedürfnisse zugeschnittenen Beratungsleistungen aus einer Hand. Hierzu zählen besonders die eigens entwickelten Outsourcing-Dienstleistungen.

1999 wurde Connex durch die Fraunhofer-Gesellschaft unter die Top 100 der innovativsten Unternehmen Deutschlands gewählt. Mit Stolz konstatieren die Hallenser, in jedem Jahr ihrer unternehmerischen Existenz Bilanzgewinne ausgewiesen zu haben und damit sowohl Körperschaftssteuer als auch Gewerbesteueraufkommen für die Städte und Kommunen der Niederlassungen generiert zu haben. Der Auf- und Ausbau des Beratungsnetzwerkes fand von Beginn an aus eigener Kraft ohne die Inanspruchnahme von Fördermitteln statt.

Perspektiven schaffen

Um Respekt vor ihren unternehmerischen Leistungen kämpfen - ähnlich den Dienstleistern - auch die Händler. In diesem Sektor haben mittelständische Unternehmen jedoch ebenfalls Herausragendes vollbracht. So riskierte beispielsweise die Auto-Zellmann GmbH aus Berlin nach der Wende mit nur fünf Mitarbeitern den Neustart.

Verträge mit zwei großen Automobilherstellern bildeten die Grundlage, wirtschaftliche Erfolge mussten aber erst noch erarbeitet werden. Diese stellten sich mit der Zeit vor allem deshalb ein, weil der Auto-Händler von Anfang an auf Service setzte. Dazu gehören u. a. Pannen- und Abschleppdienst, Mietwagen, kompletter Reparaturservice sowie Finanzierungs- und Versicherungsangebote.
Getragen von einer kontinuierlichen Umsatzentwicklung, wurde das Geschäft systematisch ausgebaut. 1997 konnte das erste Autohaus fertiggestellt werden, drei Jahre später das zweite. Im März 2001 folgte der Stop+Go Auto Sofort Service-Betrieb. Im April 2003 erneuerte man den gesamten Werkstattbereich. Gleichzeitig entstanden weitere Arbeitsplätze in der Kfz-Mechanik.

Mittlerweile beschäftigt Zellmann 153 Mitarbeiter. Davon sind 35 Auszubildende in den Berufen Kraftfahrzeugmechatroniker, Karosseriebauer, Autolackierer; Büro- und Automobilkaufleute sowie Verkäufer für Ersatzteile und Zubehör. Viele der Auszubildenden haben nach ihrer Lehre einen festen Arbeitsplatz im Unternehmen gefunden. Nicht wenige haben sich zum Servicetechniker, zum zertifizierten Autoverkäufer oder zum Meister qualifiziert.

Neuland betreten

In einer Plauener Garage begann die Erfolgsgeschichte der Vertriebs-Service Christel Knoll GmbH im sächsischen Vogtland. Die Idee zu einem Handelsunternehmen mit Lebensmitteln und Non-Food-Artikeln entstand 1990 nach Schließung einer benachbarten Firma. Schon bald reichten die zum Kühlhaus umfunktionierte Garage und der gebrauchte Transporter nicht mehr aus.

Ende 1991 erfolgte der erste Umzug in die Räume eines ehemaligen Konsums. Hier wurden bereits die Weichen für den auch heute noch andauernden Geschäftserfolg gestellt. Das Kundenpotenzial stieg enorm an, der Fuhrpark wurde erweitert und die ersten Mitarbeiter eingestellt. Wenig später platzte auch der Konsum aus allen Nähten. Das endgültige Domizil entstand auf einem neu gekauften Grundstück. Hier errichtete man einen Bürokomplex mit angrenzender Lagerhalle, die nun professionell mit großem Platzangebot in Trocken-, Kühl- und Tiefkühlbereich unterteilt war.

Von da an ging es Schlag auf Schlag. Gegenwärtig handelt der Vertriebs-Service mit ca. 10 000 Artikeln im Food- und Non-Food-Bereich. Die Lieferung der Waren erfolgt frei Haus an rund 4 000 Kunden im Umkreis von 200 km. Nach wie vor stehen Service und Qualität als Erfolgsgaranten an erster Stelle.

45 Mitarbeiter sind heute bei Christel Knoll in verschiedenen Berufsrichtungen beschäftigt. Dazu zählen Kauffrauen und -männer im Groß- und Außenhandel ebenso wie Kraftfahrer und Lagerpersonal. Seit 1993 bildet der Betrieb Lehrlinge im Groß- und Außenhandel sowie als Facharbeiter für Lagerwirtschaft aus. Bisher wurden alle nach Abschluss der Ausbildung ins Angestelltenverhältnis übernommen.

Richtungsweisend

Unternehmensgeschichten wie die vorstehend beschriebenen sind typisch für erfolgreiche mittelständische Dienstleister und Händler. Wie in anderen Sektoren der Wirtschaft auch, führen erfolgversprechende Ideen, unternehmerisches Engagement und unermüdlicher Fleiß zu Umsatzwachstum sowie mehr Arbeits- und Ausbildungsplätzen.

Ob in der IT- und Kommunikationsbranche, der Gastronomie und Hotellerie, im Tourismus, Gebäudemanagement, Einzel- oder Großhandel: Überall in Deutschland entstehen immer mehr zukunftsfähige Unternehmen jenseits der Industrie. Ihnen und den dazugehörigen Unternehmern in der Öffentlichkeit mindestens den gleichen Platz einzuräumen wie neuen Fabrikhallen, ist unabdingbare Aufgabe von Entscheidern in Politik und Medien.


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Zu: P.T. Magazin 3/2012 Deutschland 3.0

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