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Montag, 06. September 2010

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Kategorie: P.T. Reisen
Freitag 24. August 2007

St. Helena - Allein Napoleon liebte sie nicht.

 

Die Insel, die man liebhaben muss. Von Manfred Rippich.

Obwohl an vielen strategischen Punkten Kanonen positioniert waren, hatten britische Soldaten nie einen Schuss zur Verteidigung der Insel abgeben müssen.

Drei Saints während ihrer ABM beim Sauberhalten eines Straßenrandes. Die Arbeitslosenrate gleicht dem Durchschnitt der Neuen Länder.

Der Neuseeländische Flachs, im Vordergrund, brachte der Insel fast 60 Jahre ausreichend Beschäftigung, bis ihn die synthetische Faser ablöste.

Die vulkanisch entstandene Insel, inmitten des weiten Südatlantik, ist schwer zu erreichen: auch in heutiger Zeit existiert dort kein Flughafen. Diese Abgeschiedenheit hat den 122 Quadratkilometer großen Felsbrocken, und vor allem seine 5.500 Bewohner, in einer längst vergessen geglaubten Atmosphäre belassen. Hier scheint wirklich die Zeit bei Königin Viktoria stehen geblieben zu sein. So zumindest der erste Eindruck beim eintauchen in den winzigen, nur zwei Straßen breiten Hauptort Jamestown.

Zu erreichen ist die Heilige Helena, die 2002 den 500. Jahrestag ihrer Entdeckung feierte, nur mit dem Postschiff St. Helena. Alle nennen sie kurz ‚RMS‘ - ihr voller Name lautet RMS St. Helena: Royal Mail Ship. Das 105 Meter lange Kombischiff pendelt zwischen Kapstadt und St. Helena, läuft auch zweimal im Jahr den walisischen Hafen Cardiff an, stoppt vor Teneriffa, pendelt zwischen St. Helena und Ascension – dort verdienen zahlreiche Saints (Bewohner St. Helenas) ihr täglich Brot. Zu Hause, auf ihrer grandiosen, unverdorbenen Insel, lässt es sich nur gut leben, hat man auch genügend Pfundscheine und Münzen in der Tasche. Das Leben ist teuer, teurer als in Mitteleuropa.

Wer zu den Glücklichen zählt, die zu Hause in Lohn und Brot stehen, geht nicht zwangsläufig sorgenfrei durch Jahr und Tag. Die Löhne sind beschämend niedrig. Nur wer wendig und fleißig ist, kann in Würde überleben. Tony Leo, Rundfunkchef der Insel, geht mit umgerechnet Euro 570,– im Monat nach Hause. Das ist viel. Dennoch baut er eigenes Gemüse an, dreht Videofilme, die er irgendwann an Interessenten verkauft, spielt Banjo in der Country-Band „All Saints“. Allesamt Zubrote. Deshalb nennt man ihn ‚Sidewinder‘: Auf St. Helena hat fast jeder einen Spitznamen. Der Grund ist kurz erklärt: Einige Familiennamen sind derart oft vertreten, dass schnell mehrere Gladys Peters‘, Brian Thomas‘, Raymond Yon oder Eva Benjamin zusammenkommen. Sie auseinander zu halten, dazu dienen ‚Nicknames‘: Schulbus, Eisbär, Russland, Sägemehl, Knaller usw.

Tony, der Chef Radio St Helenas, war erst einmal in England, dem „Mother-Country“, gewesen. Dort bekam er Grundkenntnisse für seine Rundfunkarbeit vermittelt. Es gibt Saints, die sind nie von ihrer Insel heruntergekommen: sie können es sich einfach nicht leisten. Als Reinigungskraft verdient man £1.44 (Euro 2.16) die Stunde. Der Barkeeper im „Consulate“, dem größten der drei Inselhotels, schafft auch nicht mehr als £1.60 die Stunde. Selbst als Polizeihauptwachtmeister, Staatsdiener also, sind nicht mehr als umgerechnet Euro 404,– monatlich drin.

Freundliche Menschen

Mein Feriendomizil hatte ich gebucht,ohne es auch nur in einem Prospekt in Augenschein genommen zu haben: St. Helena bucht man nicht als Pauschalreise, aus dem Katalog. St. Helena ist in jeder Hinsicht anders als ‚gewöhnliche‘ Reiseziele. Hier wird der Besucher ein Teil der Inselkommune: Keine lästigen Händler, die imitierte Rolex anpreisen, keine Taxifahrer, die wie Kletten am T-Shirt des Touristen kleben, keine Restaurantbesitzer, die einen in ihre Lokalität lotsen wollen. Hier konnte ich mich frei bewegen, mit Insulanern in Kontakt treten, auf einen Drink mit der beleibten Gwendoline in der Market Street beispielsweise. Ihr Mann Bill ist seit seinem Arbeitsunfall an einen Rollstuhl gebunden. Gar eine Weihnachtskarte bekam ich vom Ehepaar Johnson, und obendrein eine Einladung zum Dinner am ersten Weihnachtsfeiertag: ich solle doch bitte ins Haus ihrer Tochter nach Sapper Way kommen. Die Straße im Inselinneren, im Distrikt St Paul‘s, wurde so benannt, weil sie von Pionieren der britischen Armee gebaut wurde.

Aber zurück zu Bill und Gwen: Ihr Haus nennt sich ‚Scallards‘. Nach Hausnummern und Klingeln sucht man oft vergebens, dafür hat fast jedes Haus einen – meist historisch begründeten – Namen. Seit den 1950ern hatte William als Maurer gearbeitet, verdiente am Tag 1 Shilling. Damals, erst vierzehnjährig, gab er das Geld seiner Tante, die ihn aufzog, da seine Mutter gestorben war. Die wiederum gab ihm 1žp, wovon er sich einen Lutscher kaufte. Den Kopf des Entenlutschers aß er gleich, den Körper hob er sich für den nächsten Tag auf. Der kleine Bill sammelte auch leere Ginflaschen, die er an eine Frau in seiner Strasse für einige Pence verkaufte: Sie füllte darin Ingwer-Bier ab. Als er in Longwood arbeitete, lief er frühzeitig dorthin. Eine steile Strasse war zu bewältigen. Die Entfernung erstreckt sich über etwa 8 Kilometer. Dort, in Longwood, hatte Napoleon gelebt – von Dezember 1815 bis zu seinem Tod im Mai 1821. 

Ich hatte mir für eine Woche einen Mietwagen genommen. Diese sind ausnahmsweise preiswerter zu haben als anderswo. Auf der Insel findet man keine Autobahn, keine Parkhäuser, keine Parkuhren, keine Ampeln – und nur zwei Kreisverkehre.

Klapprig war er, der Ford Escort. Doch auf St. Helena rast man nicht, höher als in den dritten Gang wird praktisch nie geschaltet. Die schmalen Inselstraßen winden sich hinunter in idyllische Täler, gesäumt von sattgelben Ginsterhecken, Kalla, Palisander, Strelitzien, Fuchsien, knallrot blühenden Dornenbäumen.

Vögel zwitschern unbeschwert, sie haben keine Feinde. Hier kriechen keine giftigen Schlangen durchs Gebüsch, hier lauern keine gefährlichen Raubtiere, hier fackeln auch keine ethnischen Unruhen: kohlrabenschwarze, haselnussbraune und bleichweiße Menschen leben einträchtig miteinander.

Zudem verfügt die Insel, nur 1700 Kilometer vom Äquator entfernt, über ein ausgezeichnetes Klima. Das hatte bereits 1929 ein Sir Daniel Morris, Berater für tropische Studien im Kolonialministerium, angemerkt. Man solle besonders junge Kinder und ältere Menschen dorthin schicken. Sie würden bald gesunden. Tatsächlich erfreuen sich die Insulaner einer hohen Lebenserwartung. Auch die Fauna der Insel geniest hier  ihr Dasein. Z.B Frösche, die habe ich zwar nie zu Gesicht bekommen, sie aber lautstark

gehört: sie quakten jedoch nicht, sondern schnalzten. Wo immer sich einer der zahlreichen Quellbächlein durch dichten Bewuchs windet, waren sie wahrzunehmen. Ebenso Hähne,die den lieben, langen Tag über krähen. In jeder Hinsicht bietet sich ein friedliches Bild. Ich treffe sauber gekleidete Schulkinder, nehme auch einen Buben mit, der sich freut, seinen strapaziösen Heimweg von der Bushaltestelle so bequem abgekürzt zu bekommen. „Bitte, Sir, setzen sie mich hier am Dorfladen ab. Die restlichen Yard laufe ich. Thank you very much, indeed, Sir.�?

Bis 1995 kannten die Sankt Helenier kein Fernsehen. Ein eigenproduziertes Programm auch heute noch nicht: dafür kann man inzwischen auch im entlegendsten Weiler CNN, BBC, Hallmark und Discovery Channel verfolgen. Videos, die konnte man zu 50 Pence den Tag auch schon vorher ausleihen.  Nach Freischaltung der Fernsehkanäle wollte es ein Wissenschaftler genau wissen und stellte auch gleich eine spezielle Studie an: Hat das Verhalten, besonders der Kinder St Helenas, gelitten? Haben sie nun nicht mehr das beste Benehmen all ihrer Altersgenossen weltweit? Sein Resümee: Es hat sich fast nichts geändert.

Wanderparadies

Zugegeben: viel kann man auf St. Helena nicht unternehmen - es gibt weder goldgelbe Badestrände, noch ein pulsierendes Nachtleben, kaum geführte Touren, wenig sportliche Angebote. Doch: wer wie ich nach St. Helena reist, der weis, worauf er sich einlässt. Es gibt nur wenige Besucher, die erleichtert sind, wenn sie wieder an der Reling der ‚RMS‘ stehen um dem, vom Meer aus meist nackt aussehenden, Felsen endlich hinter sich lassen zu können. Die meisten Besucher möchten gern zurückkehren – viele tun dies auch. Manche Jahr für Jahr. Geradezu prädestiniert ist die Insel jedoch für Wandertouren.

Eines noch kühlen Morgens hatte ich mich aufgemacht, um mir die alten Befestigungsanlagen in Jamestowns Nachbar-Tal, Ruperts, anzusehen. Auf der Insel läuft man (fast) nie über flaches Terrain: Entweder man quält sich steil bergan, oder ebenso steil bergab. Nach kraftzehrenden vier Stunden war ich bereits auf dem Rückweg nach Jamestown. Vor einem der bescheidenen Cottages im Ruperts sprach mich ein dunkelhäutiger Mann an: Wo ich denn herkomme; wie lange ich auf der Insel bleiben werde. Thomas Benjamin, inzwischen schon im Ruhestand, hatte beim größten privaten Arbeitgeber der Insel gearbeitet, bei Solomon & Co. Seine inzwischen herbeigeeilte Frau lud mich auf „A cup of tea“ ein. Wir setzten uns in eine schattige Ecke des Hinterhofes und schwatzten über Gott und die Welt. „Ah, aus Germany kommst du. Vor nicht allzu langer Zeit war hier mal eine allein reisende Frau aus Munich (München) vorbeigekommen.“ 

Ich merke schon: die Welt ist wirklich ein Dorf und Deutsche sind auch in den unbekanntesten und abgelegensten Winkeln des Globus vor Ort. Zurück in Jamestown konnte ich von meinem Fenster aus verfolgen, wie einige Männer die Main Street und ‚The Bridge‘ mit weihnachtlichem Schmuck und farbigen Lichterketten schmückten. Wenn einen im Dezember tagein, tagaus wärmende Sonnenstrahlen verwöhnen, vergisst man als Mitteleuropäer schnell, dass das Weihnachtsfest vor der Tür steht.

Ich hatte ein exzellentes Quartier gebucht: es hieß „Bishop‘s Rooms“. Früher hatte in dem Haus mal – nein, nicht ein Bischof, sondern ‚nur‘ ein Pfarrer gewohnt. Ich hatte das ganze Haus für mich allein: riesige Küche, im angrenzenden Garten blühte ein Frangipani-Bäumchen - den betörenden Duft seiner Blüten werde ich nie vergessen, ihn jederzeit auch im Schlaf wiedererkennen. Im Obergeschoss das Bad, zwei Schlafräume, ein Arbeitszimmer mit dicken Wälzern englischen Rechts. Unten noch ein geräumiges Wohnzimmer und ein feines Esszimmer. Altes, gediegenes Mobiliar inklusive. Und dunkle, gewachste Dielen. Grandios.

Gouverneur Smallman bittet zu Drinks

Nach meiner Ankunft waren noch zwei Schweden, die ebenso wie ich in die Insel vernarrt sind, angekommen. Wir kannten uns bereits: Schon wieder bestätigte sich, dass die Welt ein Dorf ist. Da ich mich für den örtlichen Rundfunk engagiert hatte, ebenso wie Jan und John – die Schweden, wurden wir zu einem Cocktailempfang nach Plantation House, den Wohnsitz des Gouverneurs, eingeladen: Radio St. Helena feierte sein 30. jähriges Bestehen. Die schriftliche Einladung fand ich durch meine Fronttür durchgeschoben.

Wie aber hinkommen? In einem Gespräch mit den sympathischen Damen im steinalten ‚St. Helena Store‘, dort wo ich immer mein bestelltes Brot, und Bier und Corned Beef holte, dort löste sich das kleine Problem recht schnell. Kathleen, eine der netten Verkäuferrinnen, rief ihre Tochter an: die sitzt im Castle, wo regiert wird. Prompt kam die Antwort: Nicola Dillon, die Chefredakteurin der Wochenzeitung und Bert Constantine, einer der zwei Postboten, die sind auch geladen. Ich sofort ins Postamt: in Jamestown läuft man von A nach B nie länger als zehn Minuten.

„Kein Problem,“ lenkt Bert gelassen ein. „Wir nehmen dich mit.“ (Seine zierliche Frau war natürlich auch geladen) Bei Radio St. Helena arbeiten nur vier hauptamtliche Männer und Frauen. Bert Constantine ist einer der zahlreichen Ansager, die mal aushelfen oder wie in seinem speziellen Fall, eine feste Sendung haben. Ich hatte mein Gerät täglich, und obendrein sehr gern, auf 1548 kHz abgestimmt: Peppige Musik, nützliche Informationen, Verkaufsofferten. Unter den nützlichen Informationen sind (leider) auch die Ankündigungen, wann abreisende Passagiere ihr Gepäck am Zollschuppen zu deponieren haben. Und ab wann man sich auf der Polizeihauptwache seinen Ausreisestempel abholen kann. Ich hatte dort gleich noch meinen Hausschlüssel abgegeben. Vanessas Mann, Peter, würde ihn dort abholen. Vanessa Yon, eine attraktive junge Frau, kümmert sich um ein halbes Dutzend Ferienhäuser und –wohnungen. Sie alle gehören der einflussreichen Familie Thorpe.

Was ich bei meinem schweren Abschied von „Bishop‘s Rooms“ noch nicht wusste: schon ein Jahr später machten sich in den feinen Räumlichkeiten Büroangestellte der Telefongesellschaft Cable & Wireless breit.  

Noch ein letztes ‚Castle‘ (Löwenbräu) im „Standard“, dann der schwere, aber sehr kurze Weg zum Kai. Draußen wartete schon die St. Helena auf Reede. Zurück nach Kapstadt. Dort weht wieder ein anderer Wind: Verkehrslärm, Hektik, Armut und Reichtum dicht an dicht, gewaltbereite Menschen, Obdachlose. Eben das ganze Gegenteil vom scheinbaren Paradies St. Helena.

 

Weitere Infos bei unserem Autor:

Manfred Rippich

Breitscheidstr. 7

04758 Oschatz

Tel.: (0 34 35) 927 514

Manfred.Rippich@epost.de


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Christian Kalkbrenner