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Donnerstag, 09. September 2010

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Kategorie: P.T. Reisen
Freitag 24. August 2007

Abenteuer Kaukasus

 

Erlebnisse von Dr. Markus Stück aus dem Jahr 2001

Als wäre es erst gestern gewesen, erinnere ich mich noch heute: Im Doppeldecker fliegen wir über dem Kaukasus. Etwas Freude kommt auf, ebenso Wehmut und das Glück, einem sehr urwüchsig-abenteuerlichen, aber auch gefährlichen Bergerlebnis entkommen zu sein. Es begann im Juli 1990. Alle Welt zog gen Westen. Wir aber brachen zu viert in Richtung Osten auf. Wir, das waren Katrin Tröndle und Jens Behrmann, die heute durch das Krystallpalast Varieté Leipzig bekannt sind, und meine damalige Freundin Clivia Duben. Wir wollten einfach nur Georgien kennenlernen – die Hauptkette der Kaukasusberge, die berühmten Berge Ushba und Elbrus, den höchsten Berg Europas sehen. In dieser urwüchsigen und gewaltigen Natur wollten wir unsere Nächte verbringen. Kartenmaterial gab es damals nicht. Aus Büchern hatten wir uns eine Bergskizze mit den Hauptkämmen kopiert.

Mestja, ein kleines Bergdorf, sollte der Ausgangspunkt unserer eineinhalbwöchigen Tour werden. Um die Busfahrten auf den unbefestigten georgischen Serpentinen-Straßen zu umgehen, wollten wir mit dem Hubschrauber fliegen. Doch trotz des guten Wetters flog er nicht. Bereits mehrere Stunden hatten wir gewartet, als hinter uns in der Reihe uns ein Mann ansprach: In einem akzentfreien Russisch lud er uns zur Busfahrt und in sein Haus in Mestja ein. Wie sich herausstellte, hatten wir den georgischen Vizeminister der Polizei zum Freund. Eine wundervolle Begegnung, die sich noch als sehr nützlich erweisen sollte.

Mit guten Wünschen, einer zwei Kilo schweren Brezelkette um den Hals und mindestens drei Kilogramm Äpfel für jeden brachen wir nach zwei Tagen auf. Das war so schwer, dass wir an der nächsten Ecke alles den Kindern schenkten. Wir hatten ja noch unsere 25 Kilogramm schweren Rucksäcke mit Proviant und Ausrüstung. Wir liefen nach der russischen Wegbeschreibung der Kaukasier: “Ihr lauft durch zwei Täler, überquert einen Fluss und nach dem kleinen Hügel immer links halten und zwei Tage in dieser Richtung laufen. So erreicht ihr euer Ziel.�?

Der Kaukasus ist so gewaltig, dass du den Eindruck hast, er lässt dich nicht rein, denn wir liefen vier Tage durch Dörfer, Wiesen mit Heuschlitten – immer die Berge in der Ferne im Blick, ohne dass man das Gefühl hatte, dass sie näher rückten.

Ohne Orientierung

Allmählich wurde die Vegetation spärlicher. Schon längst hatten wir die Orientierung an Hand der Wegbeschreibung verloren. Zum Glück sahen wir ein Blockhaus, in dem wir bei drei alten Weibern nach Rat fragten. Wir machten Rast und die Alten fragten uns, ob wir Socken und Käse haben wollten. Njet-nein – war unsere Antwort. Nachdem wir 20 Meter weiter gegangen waren, flogen uns große Steine hinterher, die Zen-timeter am Knöchel von Clivia einschlugen. Aber es sollte noch tragi-komischer werden. Als wir hinter einen Hügel bogen, hörten wir plötzlich zwei Schüsse: Zehn Minuten später kamen zwei Deutsche kreidebleich angekeucht und berichteten, dass sie auch die Angebote abgelehnt hatten, was die feurigen Kaukasierinnen (sie waren etwa 40, 70 und 80 Jahre alt) so verärgerte, dass sie die Schrotflinte anlegten, glücklicherweise jedoch ihr Ziel verfehlten. Nun wussten wir, dass wir auf der Hut sein mussten, aber auch, dass wir in zwei Tagen das Ziel, den Kaukasus-Hauptkamm erreichen sollten.

Reiter mit Gewehren deuteten an, dass in der Region der Bürgerkrieg ausgebrochen war, der die Region Berg-Karabach erschüttern sollte. Was für ein phantastisches Erlebnis – die Bergwelt war faszinierend, die Natur beeindruckend und die Sicht auf den Elbrus berauschend. Interessant war für uns ein Treffen mit russischen Alpinisten zum schwierig zu besteigenden Ushba, denn teilweise schleppten sie schwere Baumwollzelte und sogar einen richtigen Ofen mit zwei Henkeln und Kartoffeln mit, der uns amüsierte, da es an Expeditionen aus den 50-er Jahren erinnerte. Der Respekt vor diesen Naturburschen war jedoch enorm.

Dann kam der Rückmarsch. Die Situation destabilisierte sich von Tag zu Tag. Einmal, so erinnere ich mich, lagen wir hinter unseren Rucksäcken und beobachteten mit unseren Teleobjektiven bewaffnete Reiter, hörten Schüsse und überlegten, wie wir so schnell wie möglich hier heraus kämen. Doch der “Höhepunkt�? dieser Reise sollte noch erst kommen – zu einem Zeitpunkt, als wir uns bereits in Sicherheit der schützenden Zivilisation wähnten.

Es war der letzte Tag. Auf unserem Rückmarsch erreichten wir ein ehemaliges Pionierlager – ein Gebäude mit vielen leeren Zimmern und Bettgestellen. Doch statt hier zu bleiben, bezogen wir unser Lager etwa einen Kilometer weiter auf einer romantischen Insel inmitten eines reißenden Bergflusses.

 

Wilde Gäste

Unsere letzte Nacht begannen wir mit einem Festschmaus und zogen uns dann in unsere Zelte zurück – müde, aber glücklich. Ich war gerade eingeschlafen, da klopfte jemand an unser Zelt: Vor mir standen sieben Georgier. Sie wollten Geburtstag feiern. Einer machte bereits ein Feuer. Sie hatten einen großen 10-Liter-Wodka-Kanister dabei und luden uns ein. Aus den Erfahrungen der letzten Tage hatte ich kein gutes Gefühl, zumal zwei Frauen zu unserem Team gehörten und hier schutzlos ausgeliefert waren. Ich sagte ihnen deshalb, dass mein Freund Jens Magenprobleme hatte und die Mädels müde wären, ich aber mitfeiern würde. So setzte ich mich wohl oder übel zu ihnen und versuchte alle Tricks, um nicht betrunken zu werden. Dann lud ich die sieben Männer zum Armdrücken ein, in der Hoffnung, wenn ich sie besiege, würden sie meine Überlegenheit anerkennen und von weiteren Aktionen absehen.

Wir lagen also Mann gegen Mann gegenüber im Gras beim Feuerschein auf dem Bauch und ich drückte Mann für Mann die Arme ins Gras, gewann gegen alle und glaubte, mir Respekt verschafft zu haben. Danach saß jeder auf einem Stein und die Kaukasier begannen mit tiefer Stimme ihre melancholischen Lieder anzustimmen, friedlich und harmonisch: Es war ein herrlicher tiefer Bass-Gesang und ich brummte mit. Wir hatten es geschafft – dachte ich bei mir.

Doch plötzlich hörte ich Clivia um Hilfe schreien. Die Hölle brach mit einemmal los und um mich herum wurde es dunkel. Jens konnte entkommen und rannte durch den reißenden Fluss – die Kaukasier alle hinter ihm her. Er schaffte es zum Pionierlager, wo sich in dieser Nacht zum Glück Alpinisten einquartiert hatten. Ich werde niemals den Mann vergessen, der neben mir stand, als ich wieder aufwachte: Sergej. Unser Lager glich zwar einem Schlachtfeld, doch wir hatten es überstanden.

Irgendwie packten wir alles zusammen und auf dem LKW einer tschechischen Expedition fuhren wir ins Tal nach Mestja zum Haus unseres Freundes. Wir waren dankbar und froh, den Polizei-Vizeminister wiederzusehen. Zwei Tage später erzählte er uns feierlich, dass die Männer im Gefängnis einsitzen würden und er fragte uns, was wir nun mit ihnen machen wollten. Wir könnten hinfahren, um sie zu verprügeln, eine durchaus verbreitete Sitte, wenn man bedenkt, dass es in Georgien noch immer die Blutrache gibt. Doch wir lehnten ab, worauf für uns die Geschichte erledigt war.

Für mich nicht, denn noch ein halbes Jahr später konnte ich nicht an einer Wodka-Flasche vorbeilaufen, ohne dass sich mir der Magen umgedreht hätte. Leider wurde mir im Doppeldecker über den Bergen schon wieder ein Schluck angeboten. Doswidanja Kaukasus.



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Leserbrief

Zu: P.T. Magazin 4/2010

 

„Vertrauen ersetzt Kontrolle“

 

„Achim Kopp schildert ein wunderbares System. Zu jedem seiner Punkte beglückwünsche ich ihn. Das ist gut durchdacht und überzeugend praktiziert. Das funktioniert bei ihm besser als in jeder Familie. Das nenne ich Unternehmenskultur.“

Dieter Brandes