Wirtschaftsgespräche

Wir haben in Deutschland ein tolles Bildungssystem und wir können es besser machen!

Professor Dr. Dr. h.c. Jörg Winterberg führte als Rektor der Hochschule Heidelberg das sogenannte Core Prinzip ein, welches aktives und eigenverantwortliches Lernen in den Vordergrund stellt. Mittlerweile ist er Geschäftsführer der SRH Higher Education GmbH und verantwortet das Management von zehn privaten Hochschulen mit 110 Studiengängen. Er gründete eine internationale Hochschule in Paraguay und wurde aufgrund seiner Verdienste zum Wissenschaftlichen Beirat der Oskar-Patzelt-Stiftung ernannt. Im Wirtschaftsgespräch mit dem Kuratoriumsvorsitzenden und Mittelstandsexperten Christian Wewezow spricht Professor Jörg Winterberg über seine bildungspolitischen Visionen, moderne Lernmethoden und die Bedeutung des deutschen Mittelstandes.
Prof. Dr. Dr. h.c. Jörg Winterberg
Prof. Dr. Dr. h.c. Jörg Winterberg, Rektor der SRH Hochschule Heidelberg, und Christian Wewezow, Vorsitzender des Kuratoriums der Oskar-Patzelt-Stiftung, bei der Übergabe der Ernennungsurkunde zum Wissenschaftlichen Beirat der Oskar-Patzelt-Stiftung in Heidelberg. (Foto: SRH Hochschule Heidelberg)
Das Interview führte der Mittelstandsexperte Christian Wewezow. Er ist Kuratoriumsvorsitzender der Oskar-Patzelt-Stiftung, Vorsitzender des Netzwerks der Besten, Geschäftsführender Gesellschafter der Clockwise Consulting GmbH und war Bundesvorsitzender der Wirtschaftsjunioren Deutschland.

PT Magazin: Sie arbeiten sehr vielseitig und besitzen verschiedene Perspektiven: Als Rektor, Politikberater, Wissenschaftler und Geschäftsführer. Was reizt Sie an diesen vielfältigen Aufgaben besonders?
Professor Dr. Dr. h.c. Jörg Winterberg: Die Vielfalt ist schon ein wichtiger Punkt. Natürlich ist es so, dass ich die wissenschaftliche Arbeit, die am Anfang stand, heute als Geschäftsführer eines Verbandes mit zehn Hochschulen so nicht mehr selbst verfolgen kann. Im Kern beschäftige ich mit dem Wissenschaftsmanagement. Es geht darum ein modernes Hochschulsystem und Instrumente zu entwickeln und neue Wege zu gehen. Dafür stehe ich in ständigem Kontakt, etwa mit Ministerien und der Hochschulrektorenkonferenz ebenso wie mit internationalen Regierungen, wenn wir dort eine Hochschule gründen wollen.
Wir haben hier in Deutschland ein tolles Bildungssystem, von dem andere Länder lernen können und es gibt einige Dinge, die man noch verbessern kann. Meine Vision ist es, unser System nach den neuesten Erkenntnissen aus Wissenschaft und Praxis noch flexibler und besser zu machen und ins Ausland zu übertragen.

PT Magazin: Was ist ihrer Meinung nach das großartige am deutschen Bildungssystem und wo gibt es konkretes Verbesserungspotential?
Prof. Winterberg: Das großartige ist unter anderem der breite Zugang zu entgeltloser Bildung, den wir in Deutschland haben. Das wird oft vergessen. Außerdem der starke Praxisbezug, der auch durch Kooperationen von Hochschulen mit den Unternehmen entsteht. Hier haben die Fachhochschulen seit den 70er Jahren einen großen Beitrag geleistet.
Was wir falsch machen, ist, dass wir die Probleme von heute mit den Methoden von gestern und dem Wissen von vorgestern lösen wollen. Tatsächlich weiß die Wissenschaft beispielsweise durch die Hirnforschung schon seit vielen Jahren, was Menschen brauchen, um optimal lernen zu können. In der Praxis setzen wir es nur vielerorts noch nicht um.
Eine 90-minütige Vorlesung etwa sorgt zuverlässig dafür, dass wir nach 10 Minuten abschalten. Da brauchen wir andere Methoden.

PT Magazin: Welche Methoden präferieren Sie?
Prof. Winterberg: Methoden, die uns aktivieren. Man weiß schon lange, es ist für das Lernen viel besser, ein Thema zu vertiefen, als in sechs Richtungen auf einmal zu gehen. Positive Emotionen sind auch super und ein positives Klima. Außerdem fällt Menschen das Lernen leichter, wenn sie Informationen mit etwas verknüpfen können. Ich kann natürlich das Telefonbuch auswendig lernen, aber leichter fällt es mir, wenn ich bei meinen Verwandten anfange.

PT Magazin: Hat sich das Lernen in Zeiten der Digitalisierung verändert?
Prof. Winterberg: Das Lernen hat sich heute sehr verändert. Ketzerisch gesagt, brauchen wir kein Wissen mehr, sondern vor allem die Kompetenz das vorhandene Wissen zu filtern und die Methoden, uns Fähigkeiten anzueignen. Die Methoden Kompetenz und Methodenvielfalt steht im Vordergrund.
Ein wichtiges Prinzip für unsere Hochschulen ist es rückwärts vom Ziel her zu denken. Was braucht jemand beispielsweise für Kompetenzen, wenn er Architekt werden möchte. Dazu haben wir dann Module entwickelt, in denen es ganz konkret darum geht, zum Beispiel ein Bürogebäude zu bauen. Es werden alle Kompetenzen vermittelt, die die Studenten hierfür brauchen. Von der Statik bis zur kommunikativen Kompetenz, sich im Team zu verständigen. Am Ende gibt es dann eine Abschlussprüfung zum ganzen Thema. Mit diesem modularen System sind die skandinavischen Länder und Beneluxländer schon sehr weit.

PT Magazin: Für viele andere Länder sind Sie mit ihrem System Vorbild. Sie haben bereits eine internationale Hochschule in Paraguay gegründet und waren als politischer Berater tätig.
Prof. Winterberg: Die Hochschule in Paraguay war auch ein Versuch, mit dem wir sehen konnten, was wir brauchen, um eine Hochschule im Ausland zu gründen. Zum Beispiel gibt es in Deutschland keinen Ansprechpartner auf Bundesebene, weil Bildungspolitik Ländersache ist. Das war eines von den Themen, die wir lösen mussten.
Mittlerweile ist die Hochschule in Paraguay gerade wegen ihres hohen Praxisbezuges so erfolgreich, dass wir die Regierung zu Fragen des Hochschulsystems beraten durften. Dabei ist es dann wichtig, Fingerspitzengefühl zu zeigen und nicht zu denken, dass man alles besser weiß. Jedes Land ist anders. Das muss man bei der Einführung von Systemen berücksichtigen. Dies gilt auch für die Zukunft, denn es sollen noch weitere internationale Hochschulen folgen. Unter anderem in Indien und Schottland.

PT Magazin: Sie sind in den wissenschaftlichen Beirat der Oskar-Patzelt-Stiftung berufen worden, was reizt Sie an dieser Aufgabe?
Prof. Winterberg: Ich bin Volkswirt. Während meines Studiums habe ich mich mit der Entwicklung Deutschlands nach dem zweiten Weltkrieg beschäftigt. Unter anderem mit den vielen kleinen mittelständischen Unternehmen mit Verantwortung. Hier sind 90 Prozent unserer Arbeitsplätze angesiedelt. Den deutschen Mittelstand mit voranzubringen, ist für mich persönlich ein wichtiges Ziel.

PT Magazin: Bei Ihrer Ernennung haben sie gesagt, dass Sie den Mittelstand stärken wollen. In welchen Bereichen sehen Sie vor allem Handlungsbedarf?
Prof. Winterberg: Da gibt es viele Bereiche: Zum Beispiel beim Erbschaftsrecht und Steuerrecht. Vor allem halte ich es für wichtig, die Bedeutung des Mittelstandes ins Bewusstsein zu rufen. Die Öffentlichkeit wird nach wie vor von den Großen dominiert. Der Mittelstand ist das Rückgrat unserer Gesellschaft mit dem Großteil der Arbeitsplätze. Das muss uns bewusst sein. Wichtig finde ich es auch, dass junge Menschen Verantwortung übernehmen. Sie sollen Kreativität und unternehmerisches Denken lernen.

PT Magazin: Was denken Sie können Unternehmen weltweit lernen und was der deutsche Mittelständler vom internationalen Blickwinkel?
Prof. Winterberg: Der deutsche Mittelstand muss sich internationalisieren und sich so aufstellen, dass er das kann. Schon alleine aufgrund von Kostenvorteilen. Für Familienunternehmen ist dies oft ein Riesenschritt, weil sie Vertrauen in angestellte Manager haben müssen. Das bedeutet eine Veränderung ihrer gesamten Struktur.

PT Magazin: Und welche Vorteile hat der deutsche Mittelstand im internationalen Vergleich?
Prof. Winterberg: Die Familienunternehmen übernehmen eine soziale Verantwortung, wie es sie so in anderen Ländern nicht gibt. In vielen Ländern, zum Beispiel in Paraguay, ist die Kluft zwischen arm und reich sehr groß. Für die Unternehmer sind ihre Angestellten nur möglichst billige Produktionskräfte. Hier ist es wichtig politisch einzuwirken.
Ein weiterer Punkt ist unser duales Ausbildungssystem. Darauf ist die ganze Welt neidisch und es gelingt dennoch nicht, es zu übernehmen. Andernorts herrscht häufig die Meinung vor: „Ich übernehme die Mitarbeiter erst, wenn sie ausgebildet sind!“ Darauf lässt sich natürlich nichts aufbauen.

PT Magazin: Was denken Sie über Netzwerke?
Prof. Winterberg: Netzwerke sind extrem wichtig. So komplex wie unsere Welt ist, können wir die Probleme der Welt nicht mehr alleine lösen. Wir brauchen ein Netzwerk von herausragenden Spezialisten.

PT Magazin: Man hört viel davon, dass Sie eine neue Unternehmenskultur innerhalb der SRH eingeführt haben, kein eigenes Büro stattdessen Open Space. Was hat sich durch diese Transformation der Unternehmenskultur geändert?
Prof. Winterberg: Wir haben gleich mit einer anderen Kultur begonnen. Ich selbst bin am meisten unterwegs und brauche daher nicht das größte und schönste Büro. Außerdem arbeiten viele Mitarbeiter in Teilzeit. Für alle einen Schreibtisch vorzuhalten, wäre zu kostenintensiv. Heute haben wir für jede Tätigkeit die entsprechenden Möbel. Wenn ich einen Tag lang nur lesen muss, setze ich mich schon einmal gemütlich in einen Sessel. Bei Büroarbeiten nehme ich einen Schreibtisch. Die Räume nach dem Vorbild eines modernen Co-Working-Spaces sind auch die Konsequenz eines neuen Lernens und Arbeitens. Wir arbeiten viel in Gruppen, da ist es sinnvoll, wenn man sich direkt austauschen kann. Natürlich erfordert es dann auch Disziplin von den Beteiligten, die nicht laut durch den Raum rufen dürfen.

PT Magazin: Wie wirkt sich das auf die Führungskultur aus?
Prof. Winterberg: Autoritäre Führungsstrukturen sind passe. Man ist höchstens noch der Primus inter pares. Glaubwürdigkeit ist extrem wichtig, wenn man führt. Was man von seinen Mitarbeitern verlangt, muss man vorleben. Deshalb kann ich auch kein Chefbüro haben, wenn ich einen Co-Working-Space einführe.

PT Magazin: Was war der beste Rat, den Sie je bekommen haben?
Prof. Winterberg: Kurs halten! Bleibe dran, wenn du eine Vision hast!
 

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