Wirtschaftsgespräche

Ein Unternehmer baut auf Sandgold

Dr. Gerhard Dust spricht über seine Vision, ein sicheres und wohnliches Zuhause für alle Menschen zu schaffen. Die Häuser bestehen zu beinah 90 Prozent aus Sand und lassen sich wie Legosteine aus steckbaren Elementen einfach errichten. Hinter dem praktischen und mehrfach ausgezeichneten Konzept stehen viele Jahre Forschungsarbeit des Thüringer Technologieunternehmens.
Gerhard Dust
Bildrecht: Gerhard Dust, PolyCare Research Technology
Sand aus aus aller Welt
Sand aus aus aller Welt u.a. Griechenland, Tunesien, Kenia, Namibia, Libyen, Katar Bildrecht: Christian Wewezow
Bauprojekt in Namibia; Bildrecht: Gerhard Dust
Bauprojekt in Namibia
PolyCare Projekt Namibia 2
Bildrecht: Dr. Gerhard Dust, PolyCare Research Technology GmbH & Co. KG
Das Interview führte der Mittelstandsexperte Christian Wewezow. Er ist Kuratoriumsvorsitzender der Oskar-Patzelt-Stiftung und Vorsitzender des Netzwerks der Besten und Managing Partner der Clockwise Consulting GmbH.

PT Magazin: Wie kamen Sie auf die Idee, Häuser aus Sand zu bauen?

Dr. Dust: Der Ursprung der Firma beruht auf einem humanitären Gedanken. Nach dem Erdbeben in Haiti 2010 wollten wir etwas erschaffen, das Menschen nach solchen Katastrophen befähigt, selbst und dauerhaft feste und wohnliche Unterkünfte zu bauen. Mit lokalen Ressourcen auf einfachste Weise und mit reiner Muskelkraft. Wer in einem Flüchtlingscamp wohnt, ist auf der Flucht. Wer sein eigenes Haus aus Sand baut, schafft sich ein Heim.

PT Magazin: Gab es einen Moment, der Sie inspiriert hat?

Dr. Dust: Ja! Es war der 12. Januar 2010, abends. In Haiti hatte es ein schweres Erdbeben gegeben. Ich hatte damals bereits alle meine Unternehmen in Deutschland verkauft und lebte mit der Familie in Florida. Mit anderen Eltern von der Privatschule meiner Tochter haben wir in der Nacht und morgens Rettungsflüge und Hilfslieferungen organisiert. Erst an diesem Tag ist mir klargeworden, wie privilegiert und glücklich mein Leben verlaufen ist. Und noch etwas habe ich damals begriffen. Man kann ohne Essen eventuell einige Wochen überleben, ohne Trinken einige Tage. Aber ohne einen sicheren und festen Unterstand stehen die Chancen gut (ist das Risiko sehr hoch), den nächsten Morgen nicht zu erleben. Dagegen wollten wir etwas unternehmen.

PT Magazin: Was ist ihr Unternehmenskonzept?

Dr. Dust: Nachdem wir ursprünglich schnelle Hilfe zur Selbsthilfe nach Katastrophen anbieten wollten, haben wir rasch erkannt, dass der Bedarf im sogenannten „low cost housing“ weltweit rapide ansteigt und kaum ein Land der Welt in der Lage ist, soziale Wohnungsbauprogramme zeitlich und finanziell angemessen abzuwickeln. Überall auf der Welt leben Millionen Menschen in Slums oder sind obdachlos. Uns ist nicht bewusst, dass wir weltweit bis zum Jahr 2030 jede Woche eine Stadt für 1 Mio. Einwohner bauen müssten, nur um den Stand der Slumbevölkerung auf dem jetzigen level zu halten.  Der Grund dafür ist nicht, dass die Betroffenen faul sind. Es fehlt schlicht bezahlbares Baumaterial und Kompetenz.

PT Magazin: Was ist die Besonderheit von PolyCare?

Dr. Dust: Es ist uns mit einem kleinen Team und einem kleinen Budget gelungen, eine Technologie zu entwickeln, die geeignet ist, das Bauwesen weltweit zu verändern. Bautechnik, insbesondere das Mauern, ist noch immer eine uralte Handwerkskunst und in vielen Fällen viel zu langsam und kostspielig. Baumaterialien sind für einen einmaligen Einsatz geschaffen und können fast nie wiederverwendet werden. Unser Material ist viel langlebiger, wiederverwendbar und der Aufbau eines Hauses ist auch für Laien möglich.
 
PT Magazin: Wie kann ich mir das konkret vorstellen?

Dr. Dust: Unsere Häuser werden aus Polymerbeton gefertigt, der zu fast  90 Prozent aus Wüstensand besteht und zu etwa 10 Prozent aus extrem haltbaren Polymeren. Zwischenzeitlich haben wir über 600 verschiedene Sandsorten aus allen Wüsten der Welt getestet und in aller Regel Festigkeiten unseres Betons erreicht, der beim Vielfachen von Zementbeton liegt. Wir können mit Sanden aus Libyen, Namibia, Südafrika, Ägypten etc. ohne Probleme arbeiten. Gefertigt werden die Steine vor Ort mit Hilfe einer Anlage, die in einen Container passt. Somit vermindern wir den Materialtransport um  über 80 Prozent und blockieren keine Kapazitäten für Hilfslieferungen. Ein weiterer Vorteil ist die Schnelligkeit, in der die Elemente gefertigt und die Häuser aufgebaut werden können. In 20 Minuten ist ein Bauelement fertig. An einem Tag fertigen wir ein kleines Haus. Es ist dem Lego-Prinzip nachempfunden. So können die Steine einfach übereinandergesetzt und wiederverwendet werden. Und mit Lego bauen kann jeder. Dafür brauchen sie keine Facharbeiter.

PT Magazin: Können Sie uns bitte mehr über Ihr Wohnprojekt in Namibia erzählen?

Dr. Dust: Bei einer Konferenz in Berlin lernte ich zufällig den namibischen Botschafter kennen. In der Unterhaltung wurde schnell klar, dass Namibia ein idealer Standort für unsere Technologie ist. Es gibt Sand im Überfluss und das aride Klima beschleunigt den ohnehin kurzen Abbindeprozess. Der Bedarf an preiswerten und qualitativen Häusern kann aufgrund von mangelnden Baustoffen, Wasser und Facharbeitern derzeit nicht annähernd erfüllt werden. In nur zwei Tagen haben wir, zur Eröffnung der Investmentkonferenz in Windhoek durch den Namibischen Präsidenten, mit ungelernten einheimischen Arbeitern ein Wohnhaus errichtet.

PT Magazin: Welche Herausforderungen bestehen aktuell?

Dr. Dust: Nachdem wir die Technologie jetzt fertig entwickelt haben und auch klar ist, dass wir nicht nur das bessere und schnellere Produkt haben, sondern auch noch deutlich preiswerter sind als konventionelles Bauen, ist der schnelle roll-out unserer Technologie unsere größte Herausforderung. Es wird wohl kaum möglich sein, das alles über internes Wachstum zu bewältigen.

PT Magazin: Was waren Ihre größten Fehler? Was waren Ihre größten Entscheidungen?

Dr. Dust: Im Hinblick auf die Katastrophenhilfe waren wir zu naiv und glaubten, bei Vorliegen einer nachhaltigen Lösung würde diese von den Hilfsorganisationen sofort adaptiert. Die größte Entscheidung war: Wir haben nicht hektisch mit unserer ersten Generation von MAS-Steinen (Modulares Aufbausystem) den Markteintritt versucht, sondern erst die zweite, deutlich günstigere Variante, entwickelt. Das hat Geld und Nerven gekostet, aber damit jetzt eine überlegene Marktposition geschaffen.

PT Magazin: Was raten Sie anderen Unternehmern, bzw. welche klugen Ratschläge waren für Sie wichtig?

Dr. Dust: Denken Sie über den Tellerrand hinaus! Das Leben ist zu kurz für schlechten Wein. Und, das gilt gleichermaßen für alle Produkte: Vergeuden Sie Ihr Leben nicht nur mit der Jagd nach Geld! Unser Planet ist ein wundervoller kleiner und sehr verletzlicher Punkt im Weltall. Wir sitzen alle in diesem Boot. Lasst es uns beschützen! Es ist nie zu spät, etwas vollkommen Neues zu beginnen.
 
PT Magazin: Vielen Dank für das Gespräch!

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Kommentare

  • Martin Groplinski
    Martin Groplinski Der Abschluss gefällt mir. Das Leben ist zu kurz für schlechten Wein. Mein Spruch ist immer: Das Leben ist zu kurz um ein langes Gesicht zu machen. Man kann natürlich immer wieder neu anfangen.
    14.05.2017



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