Engagement, Wirtschaftsgespräche

Ein Unternehmerleben auf der Achterbahn

Prof. Karl-Heinz Schumacher ist seit 45 Jahren Unternehmer, war IHK-Vizepräsident der IHK Wiesbaden, Bundesvorsitzender der Wirtschaftsjunioren Deutschland und Initiator der Wiesbadener Wirtschaftsgespräche. Er lebt mit seiner Frau in Deutschland und Tschechien. In seinem Buch "Ein Leben auf der Achterbahn" (erschienen 2011 / Stiftung zur Förderung des unternehmerischen Denkens) zieht er eine spannende Zwischenbilanz seiner Reise in die Höhen und Tiefen des Unternehmer-Daseins.
Professor Karl-Heinz Schumacher
Foto: Christian Wewezow
Das Interview führte der Mittelstandsexperte Christian Wewezow. Er ist Vorsitzender des Netzwerks der Besten und Managing Partner der Clockwise Consulting GmbH.

PT-Magazin: Was bedeutet Unternehmertum für Sie persönlich?

Prof. Schumacher: Weder Adam Smith noch Joseph Schumpeter haben den Unternehmer erfunden. Unternehmer gab es auch in der Antike, zum Beispiel Kaufleute wie die Venezianer. Unternehmer zu sein bedeutet für mich, Freiheit und weitgehende persönliche Unabhängigkeit. Darüber hinaus ist es spannend, Unternehmer zu sein. Der weit verbreiteten Erwartungshaltung kann kein Unternehmer entsprechen. Auch Unternehmer sind nur Menschen. Im Kern hat sich Unternehmertum im Vergleich zu früher nicht verändert.
 
PT-Magazin: Welchen Werte- und Führungswandel in der Wirtschaft und Wissenschaft nehmen Sie wahr? 
Prof.Schumacher: In den letzten Jahren ist ein Wertewandel in Wirtschaft und Gesellschaft zu beobachten: Hin zur Nachhaltigkeit, zur Erhaltung und besseren Nutzung knapper Ressourcen, zur Verbesserung der Umweltsituation, hin zum Gemeinwohl. Vielfach handelt es sich um Lippenbekenntnisse. Gleichwohl ist eine allgemeine Tendenz feststellbar, wie zum Beispiel dass Unternehmer ihre Firma oder ihren Nachlass in Stiftungen einbringen.
 
PT-Magazin: Was muss wirksame Führung aus der Perspektive der Wirtschaft, Wissenschaft und des Ehrenamts leisten?
Prof. Schumacher: Wer führt oder führen soll, muss wissen: Es gibt hierfür kein Handbuch. Nur wer über eine überzeugende Persönlichkeit verfügt, kann führen. Mit zunehmender Erfahrung und Reife entstehen auch Führungsfähigkeiten. Die Führung eines Unternehmens, bei dem man auch der Kapitalgeber ist, unterscheidet sich grundlegend von der Führung von Unternehmervereinigungen, wie zum Beispiel den Wirtschaftsjunioren. Führt man sein eigenes Unternehmen, sollte man seine engsten Mitarbeiter an den Entscheidungsprozessen teilhaben lassen. Am Ende entscheidet jedoch der Chef – darauf haben die Mitarbeiter auch einen Anspruch! Führt man Unternehmerverbände, geht dies nur durch Motivation und Diskussion. In einer Fakultät läuft es eher auf Diskussion hinaus, es sei denn, der Dekan ist eine starke Führungspersönlichkeit.
 
PT-Magazin: Was war für Sie die Motivation Ihr Buch, „Ein Leben auf der Achterbahn“, zu schreiben?
Prof. Schumacher: Motivation für mein Buch war, am Beruf des Unternehmers Interessierten aufzuzeigen, welche Achterbahnfahrt das Leben eines Gründungsunternehmers bedeuten kann - bis hin zum Scheitern. Ein Leben mit permanentem Auf und Ab, scharfen Kurvenfahrten, immer mit einem starken Wind im Gesicht.  Außerdem schreibe ich gerne.
 
PT-Magazin: Wie wurden Sie Unternehmer?
Prof. Schumacher: Mein Berufsweg war vorgezeichnet: Aus einer Beamtenfamilie stammend, habe ich ein Studium der Rechtswissenschaften mit internationalen Bezügen absolviert. Anschließend Bewerbung zur Aufnahme in den diplomatischen Dienst. Unternehmer zu werden, ereignete sich fast zufällig: Ich gründete ein Gebäudereinigungsunternehmen zur Finanzierung meines Studiums. Nachdem dieses Unternehmen stark gewachsen war, gab ich meine ursprünglichen Berufspläne auf.

PT-Magazin: Was ist Ihr persönliches Unternehmerkonzept?
Prof. Schumacher: Mein Unternehmerkonzept war und ist das Aufspüren von profitablen Nischen. Dies gilt auch heute noch, bei einem Alter von über 70. In letzter Zeit beschäftigt mich die Weiterentwicklung von reinen Gebäudereinigungsfirmen hin zu Spezialisten im Facility Management, also der allumfassenden Betreuung von Immobilien wie Verwaltungs-komplexen, Krankenhäusern, Fabriken etc.
 
PT-Magazin: Welche Herausforderungen müssen Gründer meistern?
Prof. Schumacher: Es gibt zahlreiche Herausforderungen für Gründungsunternehmer: Unzureichendes Eigenkapital, insbesondere bei starker Expansion, fehlende Erfahrung, auch fehlende Führungserfahrung, Unterschätzen des Konkurrenzdrucks (gerade gegenüber Newcomern), Fehlen einer stringenten Unternehmensstrategie sowie Naivität und Leichtsinn.
 
PT-Magazin: Was sind Ihre Unternehmererfahrungen?
Prof. Schumacher: Ich habe in vielen Bereichen bittere Erfahrungen gemacht. Im Laufe der ersten Jahre nach Gründung bin ich jedoch zwangsläufig gereift. Meine Persönlichkeitsentwicklung erfolgte rascher, als wenn ich meinen ursprünglich geplanten Berufsweg weiter verfolgt hätte. Es gelang, Mitarbeiter, Kunden, Banken und letztlich auch Konkurrenten von meinen Konzepten zu überzeugen. Und ich hatte auch Glück.
 
PT-Magazin: Welche Transformation durchlief Ihr Unternehmen?
Prof. Schumacher: Unternehmen sind wie Menschen: Sie verändern sich permanent. Die Transformation des von mir gegründeten Gebäudereinigungsunternehmens zeigt dies deutlich: Von zehn Mitarbeitern auf rund 5000 in knapp 50 Jahren. Ein schlechter Unternehmer scheidet aus dem Markt aus, ein guter behauptet sich.
 
PT-Magazin: Was waren Ihre größten „Fehler“?
Prof. Schumacher: Meine größten Fehler: Leichtsinn, Selbstüberschätzung und Beratungsresistenz.
 
PT-Magazin: Was waren Ihre wichtigsten und schwierigsten Unternehmerentscheidungen?
Prof. Schumacher: Meine wichtigsten und schwierigsten Unternehmensentscheidungen waren: Erstens, die regionale Ausweitung der geschäftlichen Aktivitäten über die Städte hinaus in die Provinz. Zweitens, die Expansion in die ehemalige DDR und drittens, die Einführung eines Partnerschaftsmodells – denn am Ende wurden so aus qualifizierten, regionalen Filialleitern Mitgesellschafter.
 
PT-Magazin: Was raten Sie anderen Unternehmern bzw. welche klugen Ratschläge waren für Sie wichtig?
Prof. Schumacher: Ohne eine zündende Geschäftsidee („Vision“) wird es nichts mit dem Unternehmertum. Gute Beispiele gibt es in der Wirtschaftsgeschichte viele: Von Carl Benz bis Bill Gates. Dann folgt die beharrliche Umsetzung. Erfolg hat, wer sein Unternehmensziel konsequent verfolgt. Erfolg besteht zu 90 Prozent aus Schweiß, die restlichen 10 Prozent sind Glück. Ich bin leider nie richtig beraten worden, denn mein Umfeld bestand aus Beamten.
 
PT-Magazin: Was denken Sie über Berater und Unternehmercoaches?
Prof. Schumacher: Es gibt zahlreiche Unternehmensberater, die meisten sind ihr Honorar nicht wert. Ich hätte jedoch einen guten gebraucht, vielleicht sogar einen guten Coach. Dass ich mich immer beratungsresistent gegeben habe, war einer meiner größten Fehler (s.o.).
 
PT-Magazin: Sie waren immer viel auf Reisen. Wie wichtig war und ist Ihnen heute noch internationale Wirtschaft?
Prof. Schumacher: Ich war bereits als Schüler sehr gerne auf Reisen, habe später viele Länder und Kulturen kennengelernt. Fazit: Man wird immer bescheidener und toleranter. Mein Fachgebiet an beiden Universitäten (Brünn, Prag) war mehr als 20 Jahre die internationale Wirtschaft. Mein Themenschwerpunkt war die „Strategische Unternehmensführung in Zeiten der Globalisierung“. Die Skripte mit zahlreichen Fallbeispielen in Deutsch und Englisch füllen Bände. Heute schreibe ich immer noch gerne. Mein aktuelles Projekt: Ein Buch über die UN (Arbeitstitel: „Irrtum Vereinte Nationen ? – Plädoyer für eine Weltregierung“).
 
PT-Magazin: Warum haben Sie sich als Unternehmer immer schon intensiv ehrenamtlich engagiert?
Prof. Schumacher: Unternehmer sollten generell bereit sein, Ehrenämter zu übernehmen. Für Jungunternehmer bieten die Wirtschaftsjunioren eine geeignete Plattform. Der Erfahrungsaustausch über die Branche hinaus ist wertvoll. Hinzu kommt, dass Ehrenämter zur Ausprägung der eigenen Persönlichkeit beitragen.
 
PT-Magazin: Können Sie bitte etwas über Ihre Zeit bei den Wirtschaftsjunioren Deutschland und „Weniger Staat – Mehr Privat“ erzählen?
Prof. Schumacher: Ich war sechs Jahre im Bundesvorstand der WJD (Landesvorsitzender Hessen, zweimal Bundesvorsitzender, zweimal stellvertretender Bundesvorsitzender). In dieser Zeit war das Jahresthema durchgehend „Weniger Staat – Mehr Privat“ (die Deutsche Bank machte damit ihren Geschäftsbericht auf). Die Presse forderte ein Gesicht, weg von dem bis dahin üblichen jährlichen Wechsel. Dieses Gesicht war dann ich. Es gibt viele positive Erinnerungen, vor allem, weil mich der Deutsche Industrie- und Handelstag (DIHT), konkret der Hauptgeschäftsführer Schoser und der Präsident Wolff von Amerongen mit immer neuen Aufgaben beauftragten (Mitglied in der Deregulierungskommission der Bundesregierung,  Auftritte in Vertretung des DIHT-Präsidenten, zum Beispiel auf einer internationalen Konferenz in London – vor mir sprach der italienische Industrielle Agnelli, Vorsitzender des DIHT-Mittelstandsausschusses, beauftragt mit der Leitung einer Podiumsdiskussion mit 13.000 Teilnehmern im ICC in Berlin etc.).
 
PT-Magazin: Wie ich erfahren habe, waren Sie vor 33 Jahren im Mai 1983 als Bundesvorsitzender der Wirtschaftsjunioren Deutschland (Ausgabe Nr. 5) auf dem impulse Cover. Wie kam es denn dazu?
Prof. Schumacher: Eigentlich sollte der DIHT-Präsident auf den Titel. Der sagte dann in der unnachahmlichen Art des Großindustriellen: „Das soll der Herr Schumacher machen.“ Und so geschah es. In Erinnerung ist mir noch das endlose Posieren für das Titelbild, denn ich lasse mich nicht gerne fotografieren. Die von impulse und WJD initiierte Börse für Kapital und Ideen brachte es innerhalb von vier Wochen auf 70 Mio. DM – kein schlechtes Ergebnis für eine neue Idee.
  
PT-Magazin: Was sind Ihre drei Lieblingsbücher, die auch andere Unternehmer unbedingt lesen sollten? 
Prof. Schumacher: Viele. Auswahl: „Soll und Haben“ von Gustav Freytag, „Aphorismen“ von Karl Kraus, „Auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt“ von Giovanni di Lorenzo, „Versuche über den Unfrieden“ von Hans Magnus Enzensberger und „Unser mathematisches Universum“ von Max Tegmark.
 
PT-Magazin: Vielen Dank für das Gespräch!

Große Trends der Mobilität
Nur das Beste für die Menschen
„Wenn jeder sich Berater nennt, woran erkannt man dann die Guten?“

  • Aktuell 3.2/5 Sterne.
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
3.2 von 16 Stimmen
 

Kommentare

  • H. S.
    H. S. "Nur wer über eine überzeugende Persönlichkeit verfügt, kann führen. Mit zunehmender Erfahrung und Reife entstehen auch Führungsfähigkeiten"
    12.11.2016

Große Trends der Mobilität
02.11.2016 - Mobilität, Südwestdeutschland, Wirtschaftsgespräche

Große Trends der Mobilität

Dr. Alexander Pischon ist aufs Engste mit den vielfältigen Herausforderungen vertraut, mit denen sich die ÖPNV-Branche derzeit konfrontiert sieht. Die Digitalisierung ist hierbei nur ein gewichtiges Stichwort – Dr. Pischon spricht in diesem Zusammenhang gleich von mehreren Trends, auf die sämtliche Verkehrsunternehmen in den kommenden Jahren richtig reagieren müssen. Die Verkehrsbetriebe Karlsruhe sind das kommunale Verkehrsunternehmen der Stadt Karlsruhe. Sie betreiben in der Fächerstadt das Straßenbahn- und Omnibusnetz sowie im Auftrag der Albtal-Verkehrs-Gesellschaft (AVG) eine Stadtbahnlinie. Im Jahr werden von den VBK rund 107 Millionen Fahrgäste befördert.  [mehr]
 
Nordisch gut
15.11.2016 - Norddeutschland, Wirtschaftsgespräche, Wettbewerb

Nordisch gut

Mittelständisches Beziehungsmanagement als Beispiel für VW  [mehr]
 
VISIONING
09.11.2016 - Wirtschaftsgespräche, Netzwerk der Besten

VISIONING

Wie Sie dorthin kommen, wo Sie in Zukunft sein wollen  [mehr]
 
„Wenn jeder sich Berater nennt, woran erkannt man dann die Guten?“
17.10.2016 - Wirtschaftsgespräche

„Wenn jeder sich Berater nennt, woran erkannt man dann die Guten?“

Netzwerk der Besten im Gespräch mit Jan Schächtele und Christoph Hardt von COMATCH. Jan Schächtele und Christoph Hardt waren beide Unternehmensberater bei McKinsey, bevor sie im Herbst 2014 einen Marktplatz für selbständige Berater und Industrieexperten mit Sitz in Berlin gründeten. Inzwischen hat COMATCH fast 200 Projekte durchgeführt, 1500 hochqualifizierte Berater in der Datenbank und knapp 20 Mitarbeiter. Das Interview führte der Mittelstandsexperte Christian Wewezow. Er ist Vorsitzender des Netzwerks der Besten und Managing Partner der Clockwise Consulting GmbH.  [mehr]
 
Nur das Beste für die Menschen
04.07.2016 - Aufgespießt, Deutschland, Wirtschaftsgespräche

Nur das Beste für die Menschen

„Als Kaufmann lebe ich vom Beobachten“. Ahmet Pekkip und Lale Jakob im Gespräch mit Christian Wewezow über Erfolg und Führung, über Nachfolge und Werte.  [mehr]
 
Deutscher Mittelstand im  Aufbruch für den russischen Markt
03.05.2016 - Politik, Ausland, Deutschland, Wirtschaftsgespräche, Internationales

Deutscher Mittelstand im Aufbruch für den russischen Markt

Wie gestaltet sich eine Zusammenarbeit? Dr. Sergey Nikitin, Leiter der Repräsentanz der Handels- und Industriekammer Russlands in Deutschland gibt Antwort.  [mehr]
 


Meistkommentierte Beiträge

  1. Warum Sozialismus nicht funktionieren kann (8) am 30.08.2016
  2. impulse wird Partner der Oskar-Patzelt-Stiftung beim „Großen Preis des Mittelstands“ (5) am 01.09.2016
  3. Integration aktiv gestalten (4) am 11.07.2016
  4. Alle altern anders (3) am 09.09.2016
  5. Sonderpreise 2016 in Würzburg (2) am 24.09.2016

Meistbewerteste Beiträge

  1. Auto-Zulieferer im Wandel (3.0/2885) am 31.08.2007
  2. Kann sich ein „Bester“ noch verbessern? Pilotinitiative: Innovationsführer 2017 (3.0/1257) am 31.10.2016
  3. Brandenburg (2.9/520) am 17.05.2016
  4. Anlage 2 zur PM 06/2010: Laudatios der Preisträger und Finalisten (2.9/344) am 11.09.2010
  5. Super-GAU (3.0/335) am 04.03.2015

Neue Kommentare

  1. Richtig – selbst junge und gesunde Handwerker könn... am 22.11.2016
    Risikogruppe Handwerker
  2. Ich finde den Artikel sehr aussagekräftig. Gerade ... am 18.11.2016
    Bürobedarf als praktische Werbegeschenke
  3. [url=http://www.pt-magazin.de/de/wirtschaft/untern... am 18.11.2016
    Selbst-Leadership in Zeiten der Transformation
  4. "Nur wer über eine überzeugende Persönlichkeit ver... am 12.11.2016
    Ein Unternehmerleben auf der Achterbahn
  5. Achtung! Die Ungleichheits-Lüge geht um! Dass die ... am 09.11.2016
    Oh Herr, laß Hirn regnen!
 
Copyright © 2006-2016 OPS Netzwerk GmbH.
powered by SITEFORUM