Politik, Deutschland

Warum Sozialismus nicht funktionieren kann

In der sozialistischen DDR gab es weder Bananen noch Westreisen. Das toppte die Zuckerinsel Kuba: Als dort Che Guevara Wirtschaftsminister war, wurde sogar der Zucker knapp
Fotolia 70608121 S copyright
Foto: © Jrgen Flchle - Fotolia.com #70608121

1 “Noch vor fünfzig Jahren hatte praktisch kaum jemand den Mut, für die freie Marktwirtschaft einzutreten“, formulierte vor über fünfzig Jahren Ludwig von Mises vor argentinischen Studenten nach der Ära Peron. Heute nach Wirtschaftswunderzeiten und der Implosion realer sozialistischer Systeme bedarf es wieder dieses Mutes. Denn es ist wieder en vogue in der öffentlichen Debatte, marktwirtschaftliche Systeme zu diskreditieren. Mehr noch: In der Wirtschaftspolitik nehmen Interventionismus und Regulierung bereits sozialistische Züge an. Mietpreisbremse und andere Preiseingriffe nehmen überhand. Lehrbeispiel für das Versagen von politischer Intervention in wirtschaftliche Prozesse ist doch die Energiepolitik.

2 Angesichts des zunehmenden Drucks auf das marktwirtschaftliche System, auch bedingt durch den ständigen Interventionismus, ist es geboten, von neuem die grundsätzlichen Unterschiede zwischen Marktwirtschaft und Sozialismus herauszustellen. Wesentliche Merkmale für ein Wirtschaftssystem sind die Antworten auf die beiden Fragen: 1) Wer verfügt über das Eigentum an den Produktionsmitteln? 2) Wer koordiniert Angebot und Nachfrage. Marktwirtschaft ist gekennzeichnet durch Privateigentum an den Produktionsmitteln und Koordination von Angebot und Nachfrage durch Markt und Wettbewerb. Im Sozialismus dagegen liegt das Eigentum in Kollektiven (verstaatlicht oder vergesellschaftet) und die Koordination von Angebot und Nachfrage erfolgt über einen zentralen Plan bzw. eine Zentrale.

3 Die empirischen Erfahrungen mit sozialistischen Systemen haben stets die theoretischen Argumente derjenigen Wissenschaftler bestätigt, die wie Mises, Popper oder Hayek die Funktionsuntüchtigkeit solcher Modelle behauptet haben. Zu solchen Erfahrungen gehören beispielsweise:

a) Sozialismus ist stets mit Totalitarismus politisch wie wirtschaftlich verbunden. Beides ist interdependent. Beides hebt die Freiheit politisch wie wirtschaftlich auf. Die Zentrale ist davon überzeugt, zu wissen, was gut für das Volk ist („Volksdemokratie“).
b) Sozialistische Systeme führen zu Armut der Massen und zu Wohlstand nur der politischen Elite. Gegenwärtig bietet der Kubatourismus hierfür den besten Anschauungsunterricht. Noch drastischer freilich ist Nordkorea.
c) Sozialismus heißt: Anmaßung von Wissen (Hayek). Es ist aber – trotz aller Fortschritte in der Datenverarbeitung – unmöglich, dass die Zentrale oder das Kollektiv über mehr Wissen verfügt als die Millionen von Bürgern, Verbrauchern und Produzenten.
d) Auch sozialistische Systeme brauchen Kalkulationsgrundlagen. Eine Anekdote aus dem wissenschaftlichen Ideenstreit möge das Versagen solcher Systeme belegen: Oskar Lange, Ideengeber des sog. Dritten Wegs zwischen Kapitalismus und Sozialismus (sein Konzept nannte er Konkurrenzsozialismus und diente später als Blaupause für Ota Sik) wurde nach den Kalkulationsgrundlagen in seinem Konzept gefragt. Seine Antwort: „Ganz einfach, man nehme den Warenhauskatalog eines amerikanischen Unternehmens, dann kenne man das Preisgefüge!“

4 Marktwirtschaftliche Systeme sind offene Systeme, sind lernfähig, sind sensibel für Fehlerkorrekturen, sind anpassungsfähig und innovativ. Diese Eigenschaften gehören nicht zum Charakter sozialistischer Muster. Anschauungsunterricht hierfür bietet allein schon der Vergleich öffentlicher Verwaltungen und der Wirtschaft in unserem Land. Öffentliche Verwaltungen sind Bürokratien. Sie beruhen auf dem Prinzip von Befehl und Gehorsam. Kultur der Innovation, der Reformbereitschaft und Reformfähigkeit sowie des Verbesserungsmanagements: Fehlanzeige. Zwei Erlebnisse hierzu: Am Rande eines Treffens mit dem damaligen NRW-Ministerpräsidenten Clement sagte dieser im Kontext dieser Thematik: „Der öffentliche Sektor ist viel zu groß, das müsste alles kleiner werden!“ Warum ist ihm das als Chef der Verwaltung nicht gelungen? Zweites Erlebnis: Ein für das Kultusministerium eines Bundeslands zuständige Ressortchef sagte anlässlich eines Strategietreffens: „In meinem Hause könne man ein Drittel der Planstellen einsparen, ohne dass die Arbeit darunter leiden würde.“ Geschehen ist aber nichts.

5 Der Unterschied zwischen privatem und öffentlichem Sektor lässt sich auch und besonders an der Nutzungsintensität technischen Fortschritts verdeutlichen. Mitte der 90er-Jahre gab es eine Veranstaltung bei einem saarländischen Softwareunternehmen. Gast war auch der damalige Ministerpräsident. Der Festredner, Mitglied des Vorstands eines Global Players im IT-Bereich, bedauerte in seiner Rede, dass man in Deutschland mit niemandem aus der Politik und Verwaltung auf Augenhöhe über die Anliegen von IT und TK sprechen könne. Als ich selbst Ende 1999 Mitglied der Regierung wurde, konnte man den Entwicklungsrückstand zwischen Wirtschaft und Verwaltung erleben. Im Büro des Ministerpräsidenten fehlten zu der Zeit die für den Anschluss eines PCs erforderlichen Kabel.

6 Armut in der Welt lässt sich nur durch Nutzung marktwirtschaftlicher Methoden überwinden. Beispiel China: Wenn es in diesem großen Land nicht zur Hinwendung zu Privateigentum und marktwirtschaftlichen Strukturen gekommen wäre, würden dort immer noch Hungersnot und Armut herrschen. Auch in Europa wurde Armut erst besiegt, als der Kapitalismus seine sogar von Karl Marx bewunderten, kreativen Kräfte entfalten konnte. Systemüberwindung hin zu sozialistischen Methoden würde unsere Welt nicht verbessern, sondern verschlechtern – auch im Hinblick auf die Nachhaltigkeit.

7 Popper mahnte in „Die Zukunft ist offen“: „Die Erhaltung der offenen Gesellschaft (Demokratie und Marktwirtschaft) ist eine ständige Aufgabe. Ob diese Lebensform, die eine einzige Ausnahme in der Geschichte der Menschheit darstellt und die nur ein kleiner Teil der Menschheit das Glück hat zu erleben, erhalten werden kann, das wird von der jungen Generation abhängen, also davon, ob diese Generation gewillt sein wird, diese Lebensform nach außen und nach innen zu verteidigen.“ Skepsis ist zwar angesichts der Diskussion um TTIP in Deutschland oder angesichts der Diskussion um die Arbeitsmarktreformen in Frankreich geboten. Aber man kann nur hoffen, dass diese jungen Menschen, die diesbezüglich auf die Straße gehen, nicht die Mehrheit darstellen.

Hanspeter Georgi


  • Aktuell 3.0/5 Sterne.
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
3.0 von 152 Stimmen
 

Kommentare

Mehr Kommentare anzeigen (1)
  • Helfried Schmidt
    Helfried Schmidt Sehr geehrter Herr Kastner! Das ist der wichtigste Satz Ihres Kommentars: "Sie unterstellen der Marktwirtschaft eine Überlegenheit, die es nicht gibt und eine Überlebensfähigkeit, die es nicht geben wird." Genau dort scheiden sich die Geister. Denn Hanspeter Georgi hat nicht etwa eine Überlegenheit unterstellt, er hat diese festgestellt. Es ist eine empirische Wahrheit, dass es überall dort, wo eine politische Elite mit planwirtschaftlichen Methoden versucht hat, die Welt besser zu machen, letztlich immer das Gegenteil erreicht worden ist. Und es ist eine in jeder Bibliothek nachlesbare Denk-Wahrheit ist, dass Leute wie Mises, Popper, Hayek und nicht zuletzt Ludwig Erhard schon vor langer Zeit diesen Zusammenhang theoretisch erklärt haben. Ich bin die ersten Jahrzehnte meines Lebens im Sozialismus des DDR groß geworden. Ich habe dadurch die Gnade (oder Strafe) der persönlichen, sinnlichen Erfahrung dessen, was Sozialismus selbst dann anrichtet, wenn seine Protagonisten die besten und lautersten Absichten haben. Keine Masterplan einer politischen Elite kann auf Dauer erfolgreicher sein als die 100.000 Masterpläne freier Menschen, die ihre eigene Zukunft formen wollen. Schon Ludwig Erhard machte darauf aufmerksam, dass der Fortschritt nicht durch die Division des Bruttosozialprodukts erreicht wird, sondern durch seine Multiplikation. Anders ausgedrückt: Wenn ein Marktwirtschaftler (Kapitalist) sein Produkt nicht verkaufen kann, macht er das PRODUKT solange besser, bis es die Leute kaufen wollen. Wenn ein Planwirtschaftler (Sozialist) sein Produkt nicht verkaufen kann, macht er das GESETZ solange besser, bis es die Leute kaufen müssen. Das ist der entscheidende Unterschied. Es ist eine solche Verschwendung von kreativen Ressourcen, wenn von Steuergeldern hochbezahlte Professoren im Club of Rome Untergangsszenarien pflegen. Was könnte erreicht werden, wenn diese Kraft für positive Zukunftsszenarien eingesetzt würde.
    14.09.2016
  • Hans-Jürgen Kastner
    Hans-Jürgen Kastner Sehr geehrter Herr Dr. Schmidt erlauben Sie mir eine Richtigstellung. Herr Dr. Georgi hat die Überlegenheit und die Überlebendfähigkeit der Marktwirtschaft nicht festgestellt, sondern behauptet. Ich verlasse mich da lieber auf Analysen zum Beispiel des Clubs of Rome, der keine Untergangsszenarien pflegt. Vom Club of Rome werden Fähigkeiten und Ressourcen dafür verwenden positive Zukunftsszenarien zu entwickeln. Aber da muss man sich schon über das Tagesgeschäft hinaus ernsthaft mit den Materialen befassen, die hochgeachtete Autoritäten nicht verfassen, um Herrrn Dr. Georgi und Sie zu ärgern, sondern, die dafür sorgen, dass nicht einzelne Egoisten überleben, sondern das die Menschheit und die Erde eine Zukunft haben.
    14.09.2016
  • Helfried Schmidt
    Helfried Schmidt Die Wirklichkeit des letzten Jahrhunderts hat die Überlegenheit und die Überlebendfähigkeit der Marktwirtschaft festgestellt. Durch mehr als 100 Feldversuche in realen Gesellschaften, an lebenden Menschen und Familien. Nochmal zum Beispiel China: Man mag den Chinesen heute Ausbeutung der Wanderarbeiter und sonst was vorwerfen. Aber davor, beim Versuch, Kommunismus zu erwzingen, wurden Dutzende Millionen Menschen geopfert, von ihren eigene Familienmitgliedern angezeigt, inhaftiert, gefoltert, umgebracht, oder mangels Nahrungsmitteln dem Hungertode überlassen. Genau das ist der Unterschied zwischen Totalitarismus und Planwirtschaft einerseits und Demokratie und Marktwirtschaft andererseits. Vor jedem elitären Club, der sich selbst für der Weisheit letzten Schluss hält, graust mir ebenso wie früher vor den Beschlüssen des Politbüros der SED und der staatlichen Plankommission. Die führten zum Untergang. Das 100.000fache Engagement 100.000er Einzelner nach 1990 führte dagegen zum Aufschwung.
    14.09.2016
  • Bertram Dressel
    Bertram Dressel Sehr geehrte Herren Disputanten, ich kann Herrn Dr. Schmidt nur Recht geben. Er hat mit seinem Kompetenznetz Mittelstand das beste Beispiel geschaffen, was die Kreativität und das Wissen vieler Player an schönen Erfolgen schaffen kann. Das lässt sich nicht planen. Und an alle unsere Politiker und Parlamentarier: Hören Sie auf, die Marktwirtschaft durch Regelungen und Vorschriften zahnlos zu machen. Lesen Sie alle "Der Kobra-Effekt" von Horst Siebert!
    15.09.2016



Meistkommentierte Beiträge

  1. Warum Sozialismus nicht funktionieren kann (5) am 30.08.2016
  2. „2017 wird ein gutes Jahr! Aber ich habe Angst vor der Ahnungslosigkeit der Politik!" (2) am 21.12.2016
  3. Alle altern anders (2) am 09.09.2016
  4. impulse wird Partner der Oskar-Patzelt-Stiftung beim „Großen Preis des Mittelstands“ (2) am 01.09.2016
  5. Ist es bei Ihnen Echte Liebe? (2) am 07.04.2017

Meistbewerteste Beiträge

  1. Auto-Zulieferer im Wandel (3.0/6907) am 31.08.2007
  2. Ein Unternehmer baut auf Sandgold (3.0/4409) am 07.12.2016
  3. Kann sich ein „Bester“ noch verbessern? Pilotinitiative: Innovationsführer 2017 (3.0/2603) am 31.10.2016
  4. Brandenburg (2.9/884) am 17.05.2016
  5. Super-GAU (3.0/651) am 04.03.2015

Neue Kommentare

  1. Hallo Herr Schmidt, herzlichen Dank für Ihre posit... am 08.04.2017
    Ist es bei Ihnen Echte Liebe?
  2. Den Ausführungen kann ich uneingeschränkt zustimme... am 08.04.2017
    Ist es bei Ihnen Echte Liebe?
  3. In so kurzem Bogen diesen Autor, das PT-Magazin un... am 19.03.2017
    Die Sehnsucht nach dem starken Mann
  4. In Indien ist es wie einst in der DDR: Alles was ... am 06.03.2017
    Von einem, der auszog …
  5. Ein wichtiger Beitrag. Die Welt ist voll drängende... am 03.03.2017
    Biohacking - neuer Trend in der Wissenschaftsszene
 
Copyright © 2006-2017 OPS Netzwerk GmbH.
powered by SITEFORUM