Ausland

Von einem, der auszog …

Wie ein Hallenser mit einem Tata Nano einen Hebammenkoffer zu den Opfern des Erdbebens nach Nepal brachte, obwohl „die Tante in Pune“ keine Ausländer leiden konnte
06 09 In 80 Tagen durch Indien
(Fotos: Margrit B. Krueger)
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(Fotos: Margrit B. Krueger)
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(Fotos: Margrit B. Krueger)
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(Fotos: Margrit B. Krueger)
Was haben eine Drehorgel, ein Trabant und diverse Marketingideen gemeinsam? Nichts, außer ihrem Protagonisten. Das ist D-ROLF. Besser bekannt als Drehorgel-ROLF, aber das klingt nicht mehr ganz  so zeitgemäß. Und dabei geht D-ROLF doch mit der Zeit, besser gesagt: Er fährt! Und das um die ganze Welt. Fünf Kontinente hat er bereist, zuletzt quer durch Afrika. Seine Bühne ist die Welt, jeder Marktplatz, Straßenkaffees, das Dach seiner Rennpappe, kurz gesagt, das ganze Leben. Klingt verrückt, ist es auch. Aber das ist es, was D-ROLF liebt und ausmacht. Er provoziert, denkt quer, eckt an, stets mit einer Prise Humor. Seiner eigenwilligen aber erfolgreichen Kreativität scheinen da fast keine Grenzen gesetzt und das über alle Ländergrenzen hinaus. 

Als der der indische Präsident Narendra Modi auf der Internationalen Hannover Messe vollmundig verkündete „Deutschlands Zukunft liegt in Indien!“, da wusste D-ROLF: Er würde als  investigativer Sonderkorrespondent des PT-Magazins überprüfen, was einen Mittelständler in Indien erwarten kann. Das ist sein Bericht:

Im April 2015 erschütterte das Erdbeben in Nepal die gesamte Welt.  Ausgerüstet durch Apotheker ohne Grenzen u. „action medeor“ mit einem Hebammenkoffer für die Poor und Nedy in Nepals Bergen  will D-ROLF starten, auf eigene Kosten, mit dem „embedded  fotographer“ Margrit B. Krueger  geht es auf die gewagte Reise.

Mit Sri Lanka Air fliegen wir  via Colombo nach Delhi. Ein Kontakt zur ARD und zum Goetheinstitut lässt sich nicht aufbauen. Also suchen wir regionale Partner für einen Nano Kauf. Der Indienexperte Phillipp Pulver empfiehlt uns den Bundesstaat Gujarat. Dort, im “Muni Seva Green Ashram“  erwartet uns Deepak Gadhia, Solargenius, kompetent in indisch-deutschen Fragen. Er hat in Berlin studiert.

Aber bereits der Kauf des Autos scheitert an der  unerklärlichen 2.000 Jahre alten  indischen Bürokratie.  Immer wieder  kommen Leute, unterbreiten neue Angebote, machen Rückzieher.  „Kommt nach Bombay, da klappt fast Alles“ locken neue „Freunde“. Der Besitzer des günstigen Nano ist „die Tante“ weit hinter den Bergen in Pune, der IT-Stadt. Dort hat auch der Pumpen- und Armaturenhersteller KSB AG aus Frankenthal (Pfalz) ein großes Werk. Also geht die Tour 500 Kilometer weiter Richtung Pune. Dann stellt sich heraus: Die Tante kann keine Ausländer leiden.

Es braucht Tage, um einen Strohmann  zu engagieren. 420 Jahre lang war Goa besetzt, erst von den Spaniern, dann von den Hippies. Ohne Portugiesischen Pass keine sauberen Fahrzeugpapiere, meint  unser neuer Freud Antonio aus Lissabon. Sein Vater war zu Zeiten des portugiesischen Diktators  Salasar  Arzt  auf Goa und besaß riesige Ländereien. „Mein Onkel ist der Premierminister Portugals und mit Baroso trinke ich manchmal Kaffee.“ prahlt er. Er sei kurz vor „dem letzten Stempel“ für die Rückübertragung der riesigen Ländereien „… dann bin ich Multimillionär“. Jetzt lebt er  noch im Hostel und bietet uns seine Hilfe an. Angeblich ganz einfach: „Ihr gebt mir mit notariellem Schenkungsvertrag 70 000 Rupies – ich kauf mir davon einen Tata und schenk ihn Euch. Das ist 150%  safe!“

Er nimmt uns zu wichtigen palavernden Freunden  von „Freundschaftsgesellschaften“ mit. Schließlich landen wir bei einem  kauzigem  Notar. Für  circa 11, 34 Euro dokumentiert der alles amtlich, was man will.  Nun braucht es nur noch potentielle Verkäufer. Aber der Portugiese findet immer neue Formalitäten und Probleme, die den Kauf verhindern.

In Indien leben wenige Superreiche und sehr viele sehr Arme. 600 Millionen Menschen haben keine „verwendbaren“  Toiletten. 200 Millionen müssen für  weniger als zwei Dollar am  Tag schwer schuften.  Im Bombay gibt es viele riesige Slums – der  Dharavi Slum ist der berühmteste.  Es gibt streng reglementierte Touristenführungen. Mit einem Sikh an der Seite bestimmen wir unsere Route und die Regeln. Der Sikh klärt uns auf: „Unsere Politiker sind wie Eure. Anstatt unser schönes Bombay in Mumbai umzubenennen, hätten sie lieber ein einziges richtiges Problem lösen sollen“.

In den Medien stehen zwar verlockende Nano- Mietangebote – aber alles falsch, nur Marketinggebimmel.  Bei Zoom Car finden wir zum Preis eines normalen „PKW mit Fahrer“ endlich ein Nano-Angebot.  Zuerst will man uns als Ausländer damit nicht aus Delhi rauslassen. Mit viel Spektakel und einer erneuten Überweisung durch einen anderen Strohmann bekommen wir endlich die Genehmigung, das Auto bis zum Taj Mahal nach Agra, der tausendjährigen Handelsstadt, zu fahren.

Ein Foto mit Nano und  Taj Mahal - das geht absolut nicht, meint unser „eingeborener“ Freund. Er fährt uns zu den Verbrennungsstätten am Fluss, durch die Altstadt und in eine Ganesh Zeremonie – einfach einzigartig! Wir wissen, dass man nur vom anderen Ufer einen freien Blick auf das Mausoleum hat. Aber da ist militärischer Sicherheitsbereich - haben die ein Rad ab?

Okay,  bis auf 300 Meter in den Wald am Ufer könnte er uns leiten. Dann wird’s spannend. Vorbei an schwerbewaffneten Posten gehe ich als Fernaufklärer zum Ufer. Fußgänger dürfen doch wohl? Es ist auch kein markantes Verbotsschild zu sehen. Der Plan war einfach: Mein „embedded Fotographer“ Margrit  soll „harmlos“  mit verdeckter Nikon zum Ufer gehen. Bobby unterhält sich derweil mit den Posten, ruft an, wenn der Weg frei ist und hält die Posten notfalls vom Schießen ab. Soweit so gut. Ich rolle zügig zur  Position, die Posten schreien, doch ich stoppe erst, als der Nano gut steht. Margrit fotografiert „Dauerfeuer“. Ich setze mein „doofstes Gesicht“ auf und frage in bewusst holprigem Englisch, wo das Problem sei, verstehe die Posten nicht, bedanke mich.  Die Posten stutzen. Ich lege noch eins drauf und schenke den bewaffneten Polizisten ein Autogramm.

Ein „neuer Freund“ lässt sich Rupien für über 300 Euro in die Hand drücken. Dann verschwindet er für fünf Stunden. Dann endlich erfahren wir von Zoom Car per SMS, dass wir zur nepalesischen Grenze fahren dürfen und verlassen Agra in Richtung Varanasi.

Was Mekka für Moslems und Jerusalem für Juden und Christen, das ist Varanasi für Hindus – die heiligste unter allen Städten. Seit Jahrtausenden strömen Pilger aus allen Teilen des riesigen indischen Subkontinents in diese uralte Stadt an den Ufern des Ganges, um beim allmorgendlichen rituellen Bad von ihren Sünden befreit zu werden oder durch die Totenverbrennungen an den Ghats den ewigen Kreislauf der Widergeburten zu durchbrechen – Nirvana.

Es herrscht absolutes Foto-Verbot. Am nächsten Tag wollen wir ein Boot mieten und vom Wasser aus Fotos schießen. Nach zähen Verhandlungen können wir ein Ruderboot chartern und siehe da – Schwupps! sitzt wieder der ungebetene Guide mit drin! Ausdrücklich geben wir kund, dass wir keinen Guide gefordert haben. Er ließ sich nicht beirren. Wir werden ihn nicht los. Egal, wir wollten unsere  Bootsfahrt genießen. Wir erleben religiöse Waschungen im Ganges.

Riesige Rauchwolken sind zu sehen. Die Toten-Verbrennungsghats. Margrit  hält  keiner mehr. Sie  hält  die außergewöhnlichen Momente mit der Kamera fest. Als wir vom Boot stiegen, wartete schon unser aufdringlicher Rikshafahrer. Inzwischen haben wir gelernt, damit umzugehen und lassen uns zum Hotel fahren. Am nächsten Morgen werden wir  vom  Hoteldirektor  in Richtung nepalesische Grenze durch die Stadt geleitet.  In circa sieben Stunden sollen wir in Maharajganj eintreffen, 50 km vor der nepalesischen Grenze. Es werden zehn Stunden. Schlimme  brechendvolle Straßen, primitive  Ausschilderung, dazu Linksverkehr.

Die Grenze nach Nepal ist seit Wochen blockiert. Ob wir durchkommen ist ungewiss. Aufgeben? Nie! Wir sind uns einig und fahren mit einigen  Leuten in Richtung Grenze, bis es nicht mehr weitergeht. Die schweren Trucks stauen sich bis zu 60 Kilometer. Die letzten drei Kilometer laufen wir zwischen den LKWs bis zu den Grenzposten. Es geht alles schnell.  Banken und Wechselstuben sind geschlossen. Geldtausch ist nur „schwarz“ möglich. Wir passieren die Grenze von Indien nach Nepal. Mit  Bustaxi fuhren wir in Richtung Palpa zum Lumbini Medical College. Lumbini ist der Geburtsort des  Buddhas, der Ursprung der großen Weltreligion, des Buddhismus.

Was für ein Empfang! Das ganze Dorf begrüßt uns mit Blumenketten. Das rote Pulver auf der Stirn rinnt später  ins Gesicht. Wir spüren es kaum. Die Situation berührt unser Herz.  Ich halte eine kurze  Begrüßungsrede, spreche über unsere Mission und übergebe mit Rajiv, dem werdenden Arzt, den Hebammenkoffer.

Das Dorf am nächsten Morgen erscheint im Sonnenlicht wunderschön. Durch die unsichere Lage beschließen wir,  so schnell wie möglich das Land wieder zu verlassen. Ich drängle, uns bleibt keine Zeit, den Nationalpark in Chitwan zu besuchen. Wie schade! Wir werden gedrängt, wenigstens die Schule zu besuchen. Auch hier noch ein Austausch. Irgendwie traurig,  aber froh wegzukommen, fahren wir in Etappen  zur Grenze.

Drei Tageszeitungen berichten über unsere Mission auf Hindi. Froh, alles heil überstanden zu haben, machen wir uns mobil für die Rücktour nach Delhi. „Incredible India“ – „Unfassbares Indien“  - es passt perfekt. Es ist ein anstrengendes Land. Ein Vielfältiges Land.

Was bleibt von Indien im Gedächtnis?  Abenteuer? Was ist das? Sich auf Neues und Unvorhergesehenes einlassen. Mut aufbringen. Sich selbst und seine Grenzen erkennen. Sich durchkämpfen, auch wenn es fast ausweglos erscheint. Und danach mehr die „kleinen Dinge des Lebens“ genießen können.

Der Rückflug über Dubai zeigt uns noch mal eine ganz andere Welt.  Hier leben Völker von allen Kontinenten und aus allen Religionen unter den strengen Gesetzen der Emire friedlich miteinander –alle leben auf hohem Niveau. Es geht, wenn die Regeln von allen akzeptiert werden.

D-ROLF Rolf Becker

Über den Autor
Aktionskünstler D-Rolf ist „unbestechlich, aber käuflich“. Der Hallenser besuchte nach 1989 alle Kontinente mit dem Trabi und traf u.a. Gorbatschow, Reagan und Merkel. Jetzt war er mit dem Tata Nano auf Hilfsmission im Erdbebengebiet im Nepal.

Zusatzinformationen:
Apotheker ohne Grenzen www.apotheker-ohne-grenzen.de (München), Geschäftsführerin Ingrid Famula: Im Jahr 2000 gegründeter hocheffektiver Zusammenschluss motivierter Fachleute, die an den Brennpunkten der Krisen der Welt unentgeltlich und unbürokratisch arbeiten: Auf den Philippinen (Taifun); in Westafrika (Ebola), in Nepal (Erdbeben). D-ROLFs wichtigste Anlaufstelle ist die OST-APOTHEKE www.ostapotheke.net (Magdeburg). Petra Isenhut kümmert sich im Verbund der bundesweit rund 220 A-plus Apotheken gemeinsam mit zwei Allgemeinmedizinischen Praxen, einer Praxis für Podologie und weiteren Ärzten unterschiedlicher Fachrichtungen um den Osten von Magdeburg.
    Apotheker ohne Grenzen ist optimal vernetzt, zum Beispiel mit action medeor. www.medeor.org, 1964 von einem Apotheker in der Nähe von Düsseldorf gegründet, ist es heute das größte Medikamenten-Hilfswerk, mit „Spenden-TÜV“, das auch das DRK und andere Organisationen bei Auslandseinsätzen mit Medikamenten versorgt und eigene „Außenposten“ von Nepal bis Tansania hat.
    Seit seiner Rallye Magdeburg – Marrakesh 1992 arbeitet der vielfach im Guinnessbuch der Rekorde gelistete D-ROLF www.facebook.com/TheDROLF aktiv im Sinne der NGO, unter anderem brachte er mit action medeor über 20 Dialyse Geräte und einen Unimog-Sankra nach Madagaskar. Landesbeauftragter der action medeor für Sachsen-Anhalt ist Dr. Gerd Petzoldt aus Madgdeburg
    Tata ist ein indischer Mischkonzern mit einer halben Million Angestellter, der fast alles vom Wasserhahn bis zum Truck produziert www.tata.com. Seit 2010 baut Tata mit dem Nano das kleinste „brauchbare“ Auto der Welt. Seine Fahreigenschaften sind vergleichbar mit dem VW Polo. Wegen seines unschlagbaren Preises von ca. 2.000 Euro wird er in westeuropäischen Medien boykottiert. Erschwerend wirkte sich das ungeschickte Marketing von Tata aus: Man bewarb ein Auto für „die Armen“, obwohl die sich noch nicht mal Schuhe leisten können. Nach fast 10.000 Kilometer härtester Testfahrt meint D-ROLF: „Der Tata-Nano ist ein anständiger Kleinwagen!“

In Indien ist es wie einst in der DDR:
Alles was du über das Land hörst, stimmt.

Das Gegenteil auch.


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Kommentare

  • D-ROLF BE
    D-ROLF BE In Indien ist es wie einst in der DDR: Alles was du über das Land hörst, stimmt. Das Gegenteil auch. Im neuen PT Magazin 2/17 wird gänzlich anders über INDIEN berichtet...auch das stimmt !
    06.03.2017



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